Bleigießen

Beim Bleigießen wird ein kleines Stück Blei (früher) oder Wachs bzw. Zinn (heute) in einem Löffel über einer Flamme erhitzt, bis es flüssig wird. Dann schüttet man es rasch in eine Schüssel mit kaltem Wasser. Die Schmelze erstarrt in einer zufälligen Form – und genau diese Form wird gedeutet.

Ein Ring? Heirat oder Bindung. Ein Schiff? Reise oder Aufbruch. Ein Kreuz? Unglück oder Trauer. Ein Herz? Liebe. Ein runder Klumpen? Glück und Fülle.

Die Deutungen sind nicht starr festgelegt, sondern wurden und werden von Familie zu Familie, von Region zu Region etwas anders ausgelegt. Manchmal wird auch der Schatten der Form an die Wand geworfen und interpretiert, der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.

Herkunft

Die Wurzeln des Bleigießens reichen weit zurück. Schon in der Antike war das Gießen von Metallen in Wasser eine Form der Weissagung, die sogenannte Molybdomantie (von griechisch molybdos = Blei). Im deutschsprachigen Raum lässt sich der Brauch als Silvesterritual mindestens bis ins späte Mittelalter zurückverfolgen.

Manche Volkskundler sehen im Bleigießen eine Verbindung zu vorchristlichen Deutungspraktiken, bei denen Naturmaterialien – Wasser, Feuer, Metall – als Mittel galten, um Kräfte jenseits des Alltags zu befragen. Mit der Christianisierung wurde der Brauch nicht verboten, sondern still geduldet, weil er als harmloses Volksvergnügen galt.

Ab dem 19. Jahrhundert war das Bleigießen in weiten Teilen des deutschsprachigen Raums als Silvesterbrauch fest etabliert – in bäuerlichen Haushalten ebenso wie in städtischen Familien.

Ablauf und typische Symbole

Der Ablauf ist denkbar einfach, der Reiz liegt im Ungewissen:

  1. Kleines Metallstück (früher Blei, heute Wachs oder Zinn) in einen Löffel legen
  2. Löffel über einer Kerze erhitzen, bis das Material schmilzt
  3. Flüssigkeit rasch in eine Schüssel mit kaltem Wasser gießen
  4. Die entstandene Form aus dem Wasser heben und deuten

Manche Deutungen sind weit verbreitet, andere regional oder familiär überliefert. Einige klassische Symbolformen:

  • Ring oder Kreis
    Heirat, Partnerschaft, Vollendung
  • Herz
    Liebe, Zuneigung
  • Schiff oder Flugzeug
    Reise, Veränderung, Aufbruch
  • Kreuz
    Unglück, Tod, schwere Zeit
  • Stern
    Glück, Erfolg
  • Schlange oder Ring
    Feind im Verborgenen oder ewige Wiederkehr
  • Kugel oder runder Klumpen
    Fülle, Wohlstand
  • Baum
    Verwurzelung, Familie, Wachstum

Viele Familien haben ihre eigenen überlieferten Deutungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und die oft mehr über die Hoffnungen der Familie verraten als über das tatsächlich kommende Jahr.

Regionale Besonderheiten

Im bäuerlichen Voralpenland war das Bleigießen nicht nur Unterhaltung, sondern ein ernst genommener Brauch. Besonders bei unverheirateten jungen Frauen galt das Bleigießen als Möglichkeit, einen Hinweis auf den künftigen Ehemann zu erhalten, ähnlich wie das Schuhwerfen zu Weihnachten oder das Orakel mit dem Apfelschalen.

In manchen Gegenden Salzburgs und Tirols wurde das Gießen traditionell von der ältesten Frau des Hauses durchgeführt, der die meiste Erfahrung bei der Deutung zugesprochen wurde. Ob das Schmelzgut im Uhrzeigersinn oder dagegen gegossen wurde, war mancherorts ebenfalls bedeutsam.

In Bayern war das Bleigießen besonders in der Vorweihnachtszeit und zu Silvester lebendig. Historische Jahrmärkte und Christkindlmärkte boten mitunter fertige Gießsets an, ein früher Vorläufer der heutigen Supermarkt-Silvestersets.

Das Ende des Bleis und der Beginn des Wachses

Da Blei ein gesundheitsschädliches Schwermetall ist, wurde das klassische Bleigieß-Set in Deutschland 2018 verboten und vom Markt genommen. In Österreich folgte eine ähnliche Entwicklung. Seither sind Wachsgießsets oder Zinngießsets im Handel erhältlich, die Deutungspraxis ist identisch geblieben, das Handlingsmaterial harmloser.

Manche Traditionstreue bedauern den Wandel, andere begrüßen ihn. In der Praxis merkt kaum jemand einen Unterschied: Der Zauber des Moments, das Zischen beim Eintauchen, das Warten auf die Form, das gemeinsame Rätseln, bleibt derselbe.

Bedeutung heute

Das Bleigießen, oder Wachsgießen, wie es heute korrekter heißt, ist eines der wenigen Bräuche, die sich trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen hartnäckig gehalten haben. Nicht weil die Menschen tatsächlich an die Vorhersage glauben, sondern weil der Brauch etwas leistet, das in der Silvesternacht gebraucht wird: Gemeinschaft, Leichtigkeit, das spielerische Nachdenken über das Kommende.

In einer Zeit, in der der Jahreswechsel oft mit Druck, großen Vorsätzen und Überforderung verbunden ist, bietet das Gießen einen Moment der Entschleunigung. Man schaut auf eine zufällige Form im Wasser und lacht. Oder denkt kurz nach. Und das ist vielleicht genug.

Neujahrsschießen

Beim Neujahrsschießen – auch Böllerschießen, Salutschießen oder regional schlicht Neujahrssalut genannt – wird rund um den Jahreswechsel mit Vorderlader-Gewehren, Böllern oder Steinschlossgewehren in die Luft geschossen. Meist geschieht das zu Mitternacht, manchmal aber auch an den sogenannten Raunächten oder zum Dreikönigstag (6. Jänner).

Es ist kein zufälliges Schießen, sondern ein rituell verankerter Brauch, der in Schützenvereinen, Prangerstutzenvereinen und Böllerschützenkompanien gepflegt und von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Der Ursprung des Neujahrsschießens reicht weit zurück – wie weit genau, lässt sich nicht eindeutig belegen. Volkskundlich vermutet wird, dass der Brauch auf vorchristliche Vorstellungen zurückgeht: Lärm, Feuer und Knall sollten böse Geister, Dämonen und das Unheil des alten Jahres vertreiben. Der neue Jahresbeginn sollte buchstäblich „freigekämpft“ werden.

Mit der Verbreitung von Schusswaffen ab dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit bekam dieser Brauch eine neue Form. Anstatt mit Glocken, Töpfen und Lärminstrumenten übernahm die Schusswaffe die Funktion des Abwehrenden.

Ob das Schießen direkten Ursprung in bäuerlichen Schutzbräuchen oder eher in der Ehrenbekundung durch Salutschüsse hat – wie es auch bei Hochzeiten, Kirchweih oder dem Einzug von Würdenträgern üblich war –, lässt sich regional unterschiedlich beantworten. Wahrscheinlich flossen beide Traditionen ineinander.

Ablauf und typische Elemente

Das Herzstück des Brauchs ist das gemeinsame Böllern je nach Region zu einer bestimmten Zeit. Dabei stellen sich die Schützen – oft in Tracht – auf erhöhten Plätzen, Almwiesen, vor Kirchen oder auf Dorfplätzen auf. Gezielt wird immer in die Luft, niemals auf Ziele.

Typische Elemente:

  • Der Vorderlader
    Das klassische Werkzeug des Böllerschützen. Er wird von Hand geladen, mit Schwarzpulver bestückt und per Steinschloss oder Zündkapsel gezündet. Der satte, tiefe Knall unterscheidet ihn deutlich vom hellen Krachen eines Feuerwerks.
  • Die Schützenkette
    Oft schießen mehrere Schützen nacheinander oder gleichzeitig, um einen langen Salut oder ein Echo durch die Berge zu erzeugen.
  • Dreischuss oder Siebenschuss
    Mancherorts ist die Zahl der Schüsse rituell festgelegt. Drei Schüsse gelten als Ehrengruß, sieben als festliches Salut. Auch die Dreifaltigkeit soll damit symbolisiert werden.

Im Salzburger Tennengau, im Pongau und in Teilen des Salzkammerguts ist das Böllerschießen eng mit den Raunächten verknüpft. Dort wird nicht nur zu Neujahr, sondern auch in der Heiligen Nacht und zu Dreikönig geschossen. Die Raunächte gelten als Zeit, in der die Grenze zwischen den Welten besonders dünn ist – das Schießen soll diese Nächte schützen.

In Bayern pflegen vor allem die Gebirgsschützen und traditionellen Schützenvereine das Neujahrsschießen. Besonders bekannt sind die Salven der Gebirgsschützenkompanien, die auch bei politischen und kirchlichen Anlässen ihren Böllersalut abfeuern.

In Tirol und der Steiermark ist das Böllerschießen oft Teil größerer Festveranstaltungen, bei denen Tracht, Musik und der Jahreswechsel eng miteinander verbunden werden.

Bedeutung heute

Das Neujahrsschießen erlebt in vielen Regionen eine stabile, teils sogar wachsende Pflege. Böllerschützenvereine sind aktiv, Nachwuchs wird ausgebildet, und die Tradition wird bewusst als kulturelles Erbe verstanden. Gleichzeitig gibt es, besonders in städtischen Räumen, Diskussionen über Lärm und die Nähe zu Wohngebieten.

Was bleibt, ist das Grundgefühl: Der Knall markiert einen Übergang. Er ist laut, unüberhörbar und kollektiv. Er sagt: Das alte Jahr ist vorbei. Das neue beginnt und wir sind dabei.

Neujahrssingen

Beim Neujahrssingen ziehen Kinder – manchmal auch Jugendliche oder ganze Familiengruppen – am Neujahrstag oder in den ersten Januartagen von Haus zu Haus. Sie tragen kurze Lieder vor, sprechen Glückwünsche aus und erhalten dafür kleine Gaben: Süßigkeiten, Münzen, Nüsse oder Äpfel. Der Kern des Brauchs ist das gesprochene oder gesungene Wort als Träger von Segen und Glück. Wer es annimmt, darf auf ein gutes Jahr hoffen. Wer gut beschenkt, gibt das Glück weiter.

Der genaue Ursprung ist nicht eindeutig belegt, wie es bei vielen alten Volksbräuchen ist. Volkskundler vermuten, dass das Neujahrssingen auf vorchristliche Winterbräuche zurückgeht, bei denen Lärm, Gesang und rituelles Umhergehen böse Geister vertreiben und gute Mächte anlocken sollten. Der Jahreswechsel galt als gefährliche Schwellenzeit, in der die Ordnung der Dinge noch nicht gefestigt war.

Mit der Christianisierung wurden diese Bräuche überformt, aber nicht verdrängt. Das Singen bekam einen frommen Rahmen: Die Lieder handelten von Gottes Segen, vom Neujahr als Gnadenzeit, von Gesundheit und Ernte und verlagerte sich zum Sternsingen am Drei-Königs-Tag. In manchen Regionen sollen die Sänger früher auch Zweige mitgebracht haben, ähnlich wie beim Palmbuschen, um den Segen symbolisch ins Haus zu tragen.

Ablauf, Lieder und typische Elemente

Der Brauch ist einfach in seiner Form, aber reich in seiner Wirkung. Die Kinder erscheinen meist zu zweit oder zu dritt, klopfen an und starten ohne viel Vorgeplänkel ihr Lied. Typische Texte wünschen dem Haus Gesundheit, dem Stall gutes Vieh und dem Acker reiche Ernte, alte Sorgen, in neue Verse gekleidet. Ein klassischer Anfang lautet sinngemäß:

Ich wünsch euch ein glückseliges Jahr,
langes Leben und was euch lieb und teuer war!

Die Melodien sind meist schlicht, eingängig, leicht zu lernen. Nach dem Vortrag folgt die Gabe: Früher war es das, was der Hof hergab, eben ein Ei, ein Stück Brot, Nüsse. Heute sind es Münzen oder Süßigkeiten. Die Kinder bedanken sich, und weiter geht’s zum nächsten Haus. Als klassischer Heischebrauch, gab er die Möglichkeit den kargen Winter mit milden Gaben zu überstehen.

Regionale Besonderheiten

Das Neujahrssingen ist vor allem im ländlichen Raum lebendig: in Salzburg, Tirol, der Steiermark, in Teilen Oberösterreichs und im bayerischen Voralpenland.

In manchen Gegenden wird der Brauch auch als Anklöpfeln bezeichnet, je nachdem, ob er am 1. Jänner oder in den Tagen bis zum Dreikönigstag (6. Jänner) stattfindet.

Das Neujahrssingen ist nicht das Sternsingen. Das Sternsingen findet zu Dreikönig statt, hat einen kirchlich organisierten Rahmen (Caritas, Kolpingwerk) und einen klar missionarischen Charakter. Das Neujahrssingen ist volkstümlicher, ungebundener und älter in seiner Erscheinungsform. Beide Bräuche können in einer Region nebeneinander existieren.

In Salzburg und im Salzkammergut gibt es Berichte, dass die Neujahrslieder früher von Haus zu Haus unterschiedlich klangen, jede Familie hatte ihr eigenes kleines Repertoire, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Bedeutung heute

In vielen Dörfern ist das Neujahrssingen leise geworden – oder ganz verstummt. Wo früher ein Dutzend Kindergruppen an die Tür klopften, kommt heute vielleicht noch eine. Wo es noch gelebt wird, hat es eine besondere Qualität. Es bringt Nachbarn ins Gespräch. Es gibt Kindern eine kleine Rolle im Jahreslauf. Und es erinnert daran, dass ein gutes Jahr nicht einfach passiert, sondern dass man es sich wünscht, laut, singend, und gemeinsam.

Einige Volkshochschulen, Musikschulen und Trachtenvereine im Alpenraum bemühen sich aktiv darum, das Neujahrssingen wieder zu beleben und alte Liedtexte zu sammeln.

Prangerstutzen

Prangerstutzen, als Handböller, spielen eine bedeutende Rolle im Brauchtum und werden den Lärmbräuchen zugeordnet. Das Schießen mit Prangerstutzen ist ausschließlich den „Festschützen“ vorbehalten und darf nur in gemeldeten Vereinen praktiziert werden. Die Handböller sind Vorderlader, die 50 bis 70 cm lang und 15 bis 30 kg schwer sind, und sie werden mit Schwarzpulver betrieben.

Die Prangerschützen rücken zu allen großen weltlichen und kirchlichen Festen des Jahres- und Lebensbrauchtums aus. Auch beim Empfang von hohen Gäste, bei Gratulationen bei Hochzeiten und Geburtstagen oder für Ehrerweisungen bei Beerdigungen werden Prangerstutzen eingesetzt.

Das Prangerstutzenschießen ist Teil der sogenannten Lärmbräuche, die dazu dienen, Freude auszudrücken und einen festlichen Charakter zu verleihen. Die Ursprünge dieses Brauchs können bis ins späte 17. Jahrhundert zurückverfolgt werden, basierend auf einer eingravierten Jahreszahl in einem Stutzenrohr.

Aufgrund der Verwendung von Schwarzpulver darf dieser Brauch nur in behördlich genehmigten Vereinen ausgeübt werden. Die Herstellung der Stutzen selbst unterliegt der Gewerbeordnung. Früher galten die festlichen Kanonenschüsse, die von den Armeen der Herrscher bei besonderen Ereignissen abgefeuert wurden, als Vorbilder. Einige Regionen praktizieren diese Tradition sogar noch heute. Mit der technischen Entwicklung wurde der Prangerstutzen schließlich zu einer Art gewehrähnlichem Gegenstand.

Anschießen eines runden Geburtstags im Jänner 2024 der Salzburger Festungs-Prangerstutzen-Schützen

Silvesteranschießen in Salzburg, Silvester 2022

Raunächte

Hier handelt es sich um die zwölf Tage vom Christtag (25. Dezember) bis zum Fest „Heilige Drei Könige“ (6. Jänner). In manchen Gebieten beginnen die Raunächte mit der Thomasnacht (20. auf 21. Dezember). Nach dem Volksglauben zog in dieser Zeit die „Wilde Jagd“ über die Felder und auch die „Frau Perchta“ mit ihren Gesellen.

Zeitraum

Wahrscheinlich kommen die Raunächte vom Mondjahr (12 Mondmonate sind 354 Tage). Im Gegensatz zum üblichen „Sonnenkalender“ (besser Gregorianischer Kalender) mit seinen 365 Tagen fehlen hier elf Tage.

Diese 12 Nächte sind in der Mythologie außerhalb der normalen Zeit und Naturgesetze sind außer Kraft gesetzt. Und auch in unserem Raum, wie in vielen anderen, sind hier Rituale und Volksbrauchtum angesiedelt. Da die Zeit dunkel ist, sich viele Mythen darum ranken und in früherer Zeit viel Unerklärliches vorhanden war oder auch Rituale die Gemeinschaft gefördert haben.
Schon seit der frühen Neuzeit hat sich diese Zeit für den Kontakt zu Geistern (ob Austreibung oder Beschwörung), den Kontakt zu Tieren oder auch für das Wahrsagen angeboten.

Die vier wichtigen Raunächte

Auch in den 12 Nächten gibt es welche die wichtiger , als die anderen sind:

D’ Raunacht sand vier,
zwoa foast und zwoa dirr

Oberösterreichische Redewendung
Räuchern in den Raunächten
Räuchern in den Raunächten