
Das Stratelatenwunder des Heiligen Nikolaus
von Clemens Gull
Hintergrundinfos
Das sogenannte Stratelatenwunder gehört zu den ältesten und zentralen Wundergeschichten des Heiliger Nikolaus. Es zählt nicht zu den volkstümlichen, spätmittelalterlichen Nikolausmotiven (Gabenbringer, Kinderfreund), sondern zum frühbyzantinischen Legendenkern, der Nikolaus als Bischof, Gerechtenrichter und Fürsprecher der Unschuldigen zeigt.
Die Geschichte ist Teil der griechischen Vitae des Nikolaus und wird in verschiedenen Fassungen bereits ab dem 6. Jahrhundert überliefert.
Man erzählt sich das Stratelatenwunder bzw. die Stratelatenlegende als Zeugnis dafür, dass Nikolaus nicht nur in Myra, sondern auch aus der Ferne für Unschuldige eintritt – als Beschützer der zu Unrecht Verfolgten und als Mahner gegen Machtmissbrauch.
Zu der Zeit, als Heiliger Nikolaus Bischof von Myra war, kamen drei hochrangige oströmische Feldherren, Stratelaten genannt, auf einer Reise durch die Stadt. Nikolaus empfing sie als Gäste in seinem Haus, so wie es seiner Art entsprach: offen, aufmerksam und voller Anteilnahme an den Geschehnissen seiner Stadt.
Die spätere Verbindung des Nikolaus mit Recht, Ordnung und Gericht (z. B. Begleiterfiguren, Straf- und Mahnmotive) lässt sich inhaltlich auf dieses Legendenmotiv zurückführen. Das Stratelatenwunder bildet damit eine gedankliche Grundlage für spätere Dualismen von Lohn und Strafe im Nikolaus- und Perchtenbrauchtum, ohne diese direkt zu begründen.
Während ihres Aufenthalts wurden die Feldherren Zeugen eines erschütternden Unrechts. Drei Männer waren unschuldig zum Tod verurteilt worden und sollten noch am selben Tag hingerichtet werden. Als Nikolaus davon erfuhr, zögerte er nicht. Er eilte zur Richtstätte, trat entschlossen vor den Henker und riss ihm das bereits erhobene Schwert aus der Hand. Mit fester Stimme stellte er das Urteil infrage und machte die Schuld der wahren Verantwortlichen öffentlich. Die Hinrichtung wurde gestoppt, die Unschuldigen gerettet.
Die drei Feldherren waren tief beeindruckt von diesem Mut und von der Autorität, die Nikolaus allein durch seine Haltung und seinen Glauben ausstrahlte. Bald darauf setzten sie ihre Reise fort und kehrten zurück nach Konstantinopel.
Dort jedoch wurden sie Opfer einer Intrige. Neider und Gegner beschuldigten sie fälschlich des Hochverrats. Trotz ihrer Unschuld wurden sie verhaftet und schließlich selbst zum Tod verurteilt. Im Kerker, ohne Hoffnung auf menschliche Hilfe, erinnerten sie sich an das, was sie in Myra erlebt hatten. Sie wandten sich im Gebet an Nikolaus und flehten ihn um Beistand an.
In der Nacht erschien Nikolaus dem Kaiser im Traum. Er trat ihm ernst und mahnend entgegen und kündigte ein schweres Strafgericht an, sollte die Hinrichtung der unschuldigen Feldherren vollzogen werden. Die Erscheinung war so eindringlich und furchterregend, dass der Kaiser zutiefst erschrocken erwachte.
Noch in derselben Stunde ließ er die Anklage überprüfen. Die Verschwörung wurde aufgedeckt, die Schuld der Feldherren widerlegt und ihre sofortige Freilassung angeordnet. Gerettet durch das Eingreifen des heiligen Nikolaus, bekannten sie öffentlich seine Macht und Gerechtigkeit und dankten Gott für ihre Befreiung.

