Wasser wird zu Wein

Das Wasser wird zu Wein

von Clemens Gull

Es war einmal eine Nacht, die war anders als alle anderen Nächte im Jahr.

Nicht weil der Schnee tiefer lag als sonst. Nicht weil die Sterne heller leuchteten – obwohl manche sagten, das täten sie wirklich. Nein, diese Nacht war anders, weil in ihr etwas geschehen war, das die Welt für immer verändert hatte. Ein Kind war geboren worden. Und dieses Kind, so glaubten die Menschen, war kein gewöhnliches Kind. Es war die Christnacht.

In einem kleinen Dorf im Gebirge lebte damals ein Mädchen namens Liesl. Sie war alt genug, um alleine draußen zu sein, aber jung genug, um noch an Wunder zu glauben. Und sie hatte von ihrer Großmutter eine Geschichte gehört, die ihr keine Ruhe ließ.

„In der Christnacht“, hatte die Großmutter geflüstert, „wenn die Glocken zu Mitternacht läuten – genau in diesem Augenblick – da wird das Wasser im alten Brunnen zu Wein.“

Liesl hatte große Augen gemacht. „Echter Wein?“

„Echter Wein“, hatte die Großmutter genickt. „Aber nur für einen Herzschlag lang. Und nur für den, der reinen Herzens ist.“

Die ganze Familie machte sich also auf den Weg zur Christmette. Die Kirche war warm und roch nach Tannenzweigen und Kerzenwachs. Der Pfarrer sang, die Orgel summte, und draußen lag der Schnee so still, als würde er zuhören.

Aber Liesl konnte nicht aufhören, an den Brunnen zu denken.

Der alte Brunnen stand am Dorfplatz, nicht weit von der Kirche. Ein schwerer Steinbrunnen, grau und mit tiefgrünem Moos überzogen, im Sommer von Tauben besucht, im Winter von niemandem.

Als die Messe zu Ende war und die Menschen hinausströmten, blieb Liesl kurz zurück. Sie schaute zur Turmuhr. Noch ein paar Minuten bis Mitternacht.

Ich gehe nur kurz nachschauen, dachte sie. Nur kurz.

Draußen traf sie die Kälte wie ein Schlag. Ihr Atem stand als kleine weiße Wolken vor ihr. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Sie trat an den Brunnen heran und das Wasser lag dunkel und still darin. Ganz gewöhnliches Wasser. Schwarz und kalt und stumm. Liesl wartete. Und dann – die erste Glocke. Eins.
Sie hielt den Atem an. Zwei. Drei.
Das Wasser schimmerte. Oder bildete sie sich das ein? Vier. Fünf. Sechs.
Ein Duft stieg auf. Süß, warm, ein bisschen wie nasse Erde und ein bisschen wie etwas, das sie nicht benennen konnte, das sie aber irgendwie an Sommer erinnerte, obwohl es tiefster Winter war. Sieben. Acht. Neun.
Liesl beugte sich vor. Das Wasser sah jetzt dunkler aus als vorher. Fast rötlich. Fast wie… Zehn. Elf.
Sie tauchte die Hand hinein. Zwölf.
Und dann schwieg die Glocke.

Liesl zog die Hand heraus. Sie zitterte, aber nicht vor Kälte. Sie führte die nassen Finger an die Lippen. Wasser. Ganz klares, kaltes Wasser. Aber für einen einzigen Herzschlag – da war da gewesen. Ein Geschmack. Süß und warm und fremd und vertraut zugleich. Wie etwas, das man schon einmal geträumt hat und sich beim Aufwachen nicht mehr erinnern kann.

War es Wein gewesen?
Liesl wusste es nicht.
Und vielleicht, dachte sie, während sie zurück zur Kirche lief und ihre Mutter schon rief, vielleicht war genau das die Antwort.

Ihre Großmutter, als Liesl ihr am nächsten Morgen alles erzählte, lächelte nur.
„Und? War es Wein?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Liesl.
Die Großmutter nickte langsam, als wäre das genau die richtige Antwort.
„Wer es weiß“, sagte sie leise, „dem hat es sich nicht gezeigt. Und wer es nicht weiß, der war dabei.“

Seitdem erzählen die Menschen in den Dörfern der Berge diese Geschichte weiter. Ob das Wasser wirklich zu Wein wird in der Christnacht – das hat noch niemand beweisen können. Aber weggehen, bevor die Glocken schlagen? Das traut sich auch niemand.