
Die sprechenden Tiere
von Clemens Gull
Stell dir vor, es ist die Nacht vor Weihnachten. Draußen liegt Schnee. Der Mond scheint über die weißen Felder, und es ist so still, dass man die eigenen Schritte im Schnee knirschen hört. Alle Menschen sind drinnen, warm und beisammen. Die Kerzen brennen. Es riecht nach Tannennadeln und Bratäpfeln. Aber im Stall, da ist etwas ganz Besonderes los.
Die Kühe stehen ruhig in ihren Boxen. Die Schafe liegen im Stroh. Das alte Pferd steht in der Ecke und schaut mit seinen großen, dunklen Augen ins Nichts. Und dann, kurz vor Mitternacht, passiert es.
Die Tiere fangen an zu reden.
Nicht laut, nicht wie Menschen. Eher leise, fast flüsternd. Aber wer ganz genau hinhört, der kann jedes Wort verstehen. Warum können die Tiere in dieser Nacht sprechen? Weil es die Heilige Nacht ist. Die Nacht, in der Jesus Christus zur Welt kam und zwar genau in einem Stall. Umgeben von Tieren. Ein Ochs und ein Esel standen dabei, so erzählt man es. Die Tiere waren die ersten, die das Kind begrüßten. Und seitdem, so sagt die Legende, bekommen die Tiere in dieser einen Nacht im Jahr eine besondere Gabe: Sie können sprechen. Als Erinnerung an jenen ersten, wundersamen Moment in Bethlehem.
Nun könnte man denken: Wie schön! Ich gehe schnell in den Stall und höre zu, was die Tiere sagen!
Aber – pass auf.
Die alten Leute im Dorf warnten immer davor.
Denn die Tiere sprechen zwar. Aber sie sagen nicht immer schöne Dinge. Manchmal reden sie darüber, was im nächsten Jahr passieren wird. Und das kann auch etwas Trauriges sein. Vielleicht, dass jemand im Haus krank wird. Oder dass ein schlechtes Jahr kommt. Ein weises Kind und ein weiser Erwachsener bleiben also lieber drinnen, bei der Familie, beim Licht und beim Kekseessen.
Manche sagen: Wer die Tiere belauscht, dem ist das Glück nicht hold.
Es gibt eine alte Geschichte aus einem Dorf in den Bergen
Da war ein neugieriger Bauer. Er hatte immer schon wissen wollen, was seine Tiere denken. Und in der Christnacht, als alle anderen schliefen, schlich er sich leise in den Stall.
Er stellte sich in den Schatten, ganz still, und wartete.
Kurz vor Mitternacht – da begann seine alte Kuh zu sprechen. Und sie sagte, ganz leise:
Schwer wird der Schlitten sein,
den wir bald ziehen müssen.
Der Bauer verstand nicht, was das bedeuten sollte. Aber im neuen Jahr starb sein Nachbar – ein guter Freund – und der Bauer musste beim Begräbnis den Sarg auf dem Schlitten in die Kirche fahren. Da erinnerte er sich an die Worte der Kuh.
Und er ging nie wieder in der Christnacht in den Stall.
Also, wenn du in der Weihnachtsnacht einmal daran denkst und vielleicht auf einem Bauernhof bist, wo Tiere im Stall stehen – dann weißt du jetzt: Um Mitternacht könnten sie sprechen. Aber bleib ruhig drinnen. Genieß die Kerzen, den warmen Kakao und die Gesellschaft deiner Familie.
Manche Geheimnisse darf die Nacht für sich behalten.
Diese Legende wird in Bayern, Salzburg, Tirol und der Steiermark erzählt. Sie ist mündlich weitergegeben von Generation zu Generation. Eine genaue schriftliche Quelle für den Ursprung gibt es nicht.