Rabe im Flug

Kaiser Karl im Untersberg

von Clemens Gull

Es war einmal, vor sehr, sehr langer Zeit, ein mächtiger Kaiser. Sein Name war Karl, und er war so weise und so gerecht, dass die Menschen ihn liebten wie keinen anderen vor ihm. Er herrschte über weite Länder, baute Kirchen und Schulen, und wo immer er hinkam, kehrte der Frieden ein.
Aber wie alle Menschen wurde auch Kaiser Karl eines Tages alt. Und als er starb, weinten die Leute in allen Ländern.

Doch dann geschah etwas Seltsames.

Ein Hirte, der seine Ziegen über die Wiesen am Untersberg trieb, bemerkte eines Abends, dass eine seiner Ziegen verschwunden war. Er suchte und suchte, und plötzlich fand er einen schmalen Spalt im Fels, den er noch nie zuvor gesehen hatte.
Er zwängte sich hindurch.
Und was er dort sah, ließ ihn den Mund vor Staunen aufsperren.

Tief im Inneren des Berges lag ein riesiger Saal. Die Wände glitzerten wie Gold, und überall standen Ritter in silbernen Rüstungen, still und reglos wie Statuen. In der Mitte des Saales stand ein gewaltiger steinerner Tisch. Und an diesem Tisch saß ein alter Mann mit einer goldenen Krone auf dem Kopf. Sein Bart war so lang und so weiß, dass er zweimal um den ganzen Tisch herumging.

Der Hirte wagte kaum zu atmen.
Da öffnete der alte Mann langsam die Augen.

„Fliegen die Raben noch um den Berg?“,
fragte er mit einer Stimme, die klang wie fernes Donnergrollen.

Der Hirte schluckte.
„Ja“, flüsterte er.
„Ja, sie fliegen noch.“

Der Kaiser nickte, schwer und müde.
„Dann muss ich noch schlafen“, sagte er. Und seine Augen schlossen sich wieder.

Der Hirte lief nach Hause, so schnell ihn seine Beine trugen. Er erzählte allen, was er gesehen hatte. Aber als er am nächsten Morgen die anderen zurück zum Berg führte, war der Spalt im Fels verschwunden. Als hätte es ihn nie gegeben.

Seitdem schläft der Kaiser Karl tief im Untersberg. Die Ritter schlafen mit ihm. Und der Berg hält Wacht.

Manchmal, wenn der Wind um den Gipfel pfeift und die Raben ihre Kreise ziehen, sagen die alten Leute im Salzburger Land: „Er schläft noch. Aber er wartet.“

Denn wenn die Raben eines Tages nicht mehr fliegen, dann wird Kaiser Karl aufwachen. Er wird seinen alten Schild nehmen und ihn an einen dürren, kahlen Baum lehnen. Und dieser Baum, so sagt man, wird augenblicklich zu blühen beginnen, obwohl er doch schon längst tot ist.

Das wird das Zeichen sein. Das Zeichen, dass eine neue, friedliche Zeit beginnt.

Bis dahin schläft er.
Tief im Berg.
Und wartet.