Das Wasser wird zu Wein

Es war einmal eine Nacht, die war anders als alle anderen Nächte im Jahr.

Nicht weil der Schnee tiefer lag als sonst. Nicht weil die Sterne heller leuchteten – obwohl manche sagten, das täten sie wirklich. Nein, diese Nacht war anders, weil in ihr etwas geschehen war, das die Welt für immer verändert hatte. Ein Kind war geboren worden. Und dieses Kind, so glaubten die Menschen, war kein gewöhnliches Kind. Es war die Christnacht.

In einem kleinen Dorf im Gebirge lebte damals ein Mädchen namens Liesl. Sie war alt genug, um alleine draußen zu sein, aber jung genug, um noch an Wunder zu glauben. Und sie hatte von ihrer Großmutter eine Geschichte gehört, die ihr keine Ruhe ließ.

„In der Christnacht“, hatte die Großmutter geflüstert, „wenn die Glocken zu Mitternacht läuten – genau in diesem Augenblick – da wird das Wasser im alten Brunnen zu Wein.“

Liesl hatte große Augen gemacht. „Echter Wein?“

„Echter Wein“, hatte die Großmutter genickt. „Aber nur für einen Herzschlag lang. Und nur für den, der reinen Herzens ist.“

Die ganze Familie machte sich also auf den Weg zur Christmette. Die Kirche war warm und roch nach Tannenzweigen und Kerzenwachs. Der Pfarrer sang, die Orgel summte, und draußen lag der Schnee so still, als würde er zuhören.

Aber Liesl konnte nicht aufhören, an den Brunnen zu denken.

Der alte Brunnen stand am Dorfplatz, nicht weit von der Kirche. Ein schwerer Steinbrunnen, grau und mit tiefgrünem Moos überzogen, im Sommer von Tauben besucht, im Winter von niemandem.

Als die Messe zu Ende war und die Menschen hinausströmten, blieb Liesl kurz zurück. Sie schaute zur Turmuhr. Noch ein paar Minuten bis Mitternacht.

Ich gehe nur kurz nachschauen, dachte sie. Nur kurz.

Draußen traf sie die Kälte wie ein Schlag. Ihr Atem stand als kleine weiße Wolken vor ihr. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln. Sie trat an den Brunnen heran und das Wasser lag dunkel und still darin. Ganz gewöhnliches Wasser. Schwarz und kalt und stumm. Liesl wartete. Und dann – die erste Glocke. Eins.
Sie hielt den Atem an. Zwei. Drei.
Das Wasser schimmerte. Oder bildete sie sich das ein? Vier. Fünf. Sechs.
Ein Duft stieg auf. Süß, warm, ein bisschen wie nasse Erde und ein bisschen wie etwas, das sie nicht benennen konnte, das sie aber irgendwie an Sommer erinnerte, obwohl es tiefster Winter war. Sieben. Acht. Neun.
Liesl beugte sich vor. Das Wasser sah jetzt dunkler aus als vorher. Fast rötlich. Fast wie… Zehn. Elf.
Sie tauchte die Hand hinein. Zwölf.
Und dann schwieg die Glocke.

Liesl zog die Hand heraus. Sie zitterte, aber nicht vor Kälte. Sie führte die nassen Finger an die Lippen. Wasser. Ganz klares, kaltes Wasser. Aber für einen einzigen Herzschlag – da war da gewesen. Ein Geschmack. Süß und warm und fremd und vertraut zugleich. Wie etwas, das man schon einmal geträumt hat und sich beim Aufwachen nicht mehr erinnern kann.

War es Wein gewesen?
Liesl wusste es nicht.
Und vielleicht, dachte sie, während sie zurück zur Kirche lief und ihre Mutter schon rief, vielleicht war genau das die Antwort.

Ihre Großmutter, als Liesl ihr am nächsten Morgen alles erzählte, lächelte nur.
„Und? War es Wein?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Liesl.
Die Großmutter nickte langsam, als wäre das genau die richtige Antwort.
„Wer es weiß“, sagte sie leise, „dem hat es sich nicht gezeigt. Und wer es nicht weiß, der war dabei.“

Seitdem erzählen die Menschen in den Dörfern der Berge diese Geschichte weiter. Ob das Wasser wirklich zu Wein wird in der Christnacht – das hat noch niemand beweisen können. Aber weggehen, bevor die Glocken schlagen? Das traut sich auch niemand.

Die Sieben Schläfer von Ephesus

Hintergrundinfo

(lateinisch Septem Dormientes) ist eine frühchristliche Erzählung über Glauben, Verfolgung und die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Sie ist sowohl im Christentum als auch im Islam überliefert.

Ausgangspunkt der Erzählung
Die Handlung spielt in der antiken Stadt Ephesus (heute Westtürkei), zur Zeit des römischen Kaisers Decius (Regierungszeit 249–251 n. Chr.). In dieser Epoche wurden Christen verfolgt, weil sie sich weigerten, den römischen Göttern zu opfern.

Vor langer, langer Zeit, in einer Stadt namens Ephesus, lebten sieben junge Männer. Sie waren Freunde, mutig und fest in ihrem Glauben. Doch ihre Zeit war gefährlich, denn der Kaiser verlangte von allen Menschen, fremden Göttern zu opfern. Wer sich weigerte, wurde verfolgt.

Die sieben aber sagten: „Unser Glaube ist stärker als die Angst.“

Als man sie bedrohte, flohen sie aus der Stadt. Hoch oben im Gebirge fanden sie eine Höhle. Müde von der Flucht legten sie sich nieder. Sie beteten, vertrauten sich Gott an – und schliefen ein.

Was sie nicht wussten: Der Eingang der Höhle wurde entdeckt. Man mauerte ihn zu, damit niemand je wieder herauskommen sollte.
Doch Gott hatte anderes mit ihnen vor.

Die Zeit verging.
Jahre wurden zu Jahrzehnten.
Jahrzehnte zu Jahrhunderten.

Dann – eines Tages – öffneten die Sieben die Augen.

„Wie lange haben wir geschlafen?“ fragte einer.
„Vielleicht eine Nacht … oder einen Tag“, meinte ein anderer.

Hungrig schickten sie einen von ihnen in die Stadt, um Brot zu kaufen. Er nahm eine Münze mit, die er noch bei sich trug, und machte sich auf den Weg.

Doch in der Stadt war alles anders.

Die Menschen trugen fremde Kleidung.
Über den Häusern sah er Zeichen des Kreuzes.
Und als er bezahlen wollte, starrte der Bäcker auf die Münze, als halte er ein Stück aus einer längst vergangenen Welt in der Hand.

Man fragte ihn aus. Sein Name, seine Geschichte – alles klang wie aus einer anderen Zeit. Bald verstand man: Diese Männer waren seit Jahrhunderten verschwunden. Und doch standen sie nun wieder da, lebendig.

Die Sieben Schläfer wurden zu einem Zeichen.
Ein Zeichen dafür, dass Zeit nicht alles ist.
Ein Zeichen dafür, dass der Tod nicht das letzte Wort haben muss.

Nachdem sie ihre Geschichte erzählt hatten, kehrten sie in die Höhle zurück. Dort legten sie sich erneut nieder – und schliefen ein, diesmal für immer.

Und so sagt man bis heute:
Wer an ihnen denkt, soll daran erinnert werden,
dass Treue stärker ist als Angst
und Hoffnung stärker als die Zeit.

Die sprechenden Tiere

Stell dir vor, es ist die Nacht vor Weihnachten. Draußen liegt Schnee. Der Mond scheint über die weißen Felder, und es ist so still, dass man die eigenen Schritte im Schnee knirschen hört. Alle Menschen sind drinnen, warm und beisammen. Die Kerzen brennen. Es riecht nach Tannennadeln und Bratäpfeln. Aber im Stall, da ist etwas ganz Besonderes los.

Die Kühe stehen ruhig in ihren Boxen. Die Schafe liegen im Stroh. Das alte Pferd steht in der Ecke und schaut mit seinen großen, dunklen Augen ins Nichts. Und dann, kurz vor Mitternacht, passiert es.

Die Tiere fangen an zu reden.

Nicht laut, nicht wie Menschen. Eher leise, fast flüsternd. Aber wer ganz genau hinhört, der kann jedes Wort verstehen. Warum können die Tiere in dieser Nacht sprechen? Weil es die Heilige Nacht ist. Die Nacht, in der Jesus Christus zur Welt kam und zwar genau in einem Stall. Umgeben von Tieren. Ein Ochs und ein Esel standen dabei, so erzählt man es. Die Tiere waren die ersten, die das Kind begrüßten. Und seitdem, so sagt die Legende, bekommen die Tiere in dieser einen Nacht im Jahr eine besondere Gabe: Sie können sprechen. Als Erinnerung an jenen ersten, wundersamen Moment in Bethlehem.

Nun könnte man denken: Wie schön! Ich gehe schnell in den Stall und höre zu, was die Tiere sagen!
Aber – pass auf.
Die alten Leute im Dorf warnten immer davor.

Denn die Tiere sprechen zwar. Aber sie sagen nicht immer schöne Dinge. Manchmal reden sie darüber, was im nächsten Jahr passieren wird. Und das kann auch etwas Trauriges sein. Vielleicht, dass jemand im Haus krank wird. Oder dass ein schlechtes Jahr kommt. Ein weises Kind und ein weiser Erwachsener bleiben also lieber drinnen, bei der Familie, beim Licht und beim Kekseessen.

Manche sagen: Wer die Tiere belauscht, dem ist das Glück nicht hold.

Es gibt eine alte Geschichte aus einem Dorf in den Bergen

Da war ein neugieriger Bauer. Er hatte immer schon wissen wollen, was seine Tiere denken. Und in der Christnacht, als alle anderen schliefen, schlich er sich leise in den Stall.
Er stellte sich in den Schatten, ganz still, und wartete.
Kurz vor Mitternacht – da begann seine alte Kuh zu sprechen. Und sie sagte, ganz leise:

Schwer wird der Schlitten sein,
den wir bald ziehen müssen.

Der Bauer verstand nicht, was das bedeuten sollte. Aber im neuen Jahr starb sein Nachbar – ein guter Freund – und der Bauer musste beim Begräbnis den Sarg auf dem Schlitten in die Kirche fahren. Da erinnerte er sich an die Worte der Kuh.
Und er ging nie wieder in der Christnacht in den Stall.

Also, wenn du in der Weihnachtsnacht einmal daran denkst und vielleicht auf einem Bauernhof bist, wo Tiere im Stall stehen – dann weißt du jetzt: Um Mitternacht könnten sie sprechen. Aber bleib ruhig drinnen. Genieß die Kerzen, den warmen Kakao und die Gesellschaft deiner Familie.
Manche Geheimnisse darf die Nacht für sich behalten.

Diese Legende wird in Bayern, Salzburg, Tirol und der Steiermark erzählt. Sie ist mündlich weitergegeben von Generation zu Generation. Eine genaue schriftliche Quelle für den Ursprung gibt es nicht.