Fensterln
Liebesbräuche

Fensterln

von Clemens Gull

Nach Einbruch der Dunkelheit, wenn im Dorf die letzten Lichter erloschen, schlich sich mancherorts ein junger Mann mit einer Leiter zu einem bestimmten Haus. Leise lehnte er sie ans Mauerwerk, stieg hinauf und klopfte sacht an ein Fenster im Obergeschoß, hinter dem seine Angebetete schlief – oder auf genau dieses Klopfen wartete. Was folgte, war ein nächtliches Beisammensein unter Ausschluss der Öffentlichkeit: das Fensterln, eine der eigenwilligsten Formen der Brautwerbung, die der Alpenraum kennt.

Vom Gasslgehen zum Fensterln

Seinen Ursprung hat der Brauch im sogenannten Gasslgehen: Junge Männer zogen abends durch die Gassen und trugen unter dem Fenster der Umworbenen einstudierte, oft formelhafte Sprüche vor. Die junge Frau antwortete mit ebenso festgelegten Gegenreden, die je nach Wortlaut Zustimmung oder Abfuhr bedeuteten – eine Art codiertes Ritual, bei dem beide Seiten wussten, woran sie waren, ohne dass ein einziges freies Wort fallen musste. Aus diesem verbalen Vorspiel entwickelte sich vielerorts die konkretere Form des Fensterlns, bei der der Werbende tatsächlich zum Fenster emporstieg, um seine Zuneigung nicht nur zu behaupten, sondern zu zeigen.

Warum es die Nacht brauchte

Dass sich dieser Brauch überhaupt etablieren konnte, sagt viel über das dörfliche Leben vergangener Jahrhunderte aus. Unverheiratete junge Leute durften sich tagsüber und in aller Öffentlichkeit nicht unbeaufsichtigt treffen – strenge Sitten und elterliche Verbote sorgten dafür, dass selbst harmlose Gespräche zwischen Liebesleuten argwöhnisch beäugt wurden. Die Nacht bot einen Ausweg: Was am Tag als anstößig gegolten hätte, wurde im Schutz der Dunkelheit stillschweigend geduldet, solange es diskret blieb. Das Fensterln war damit weniger ein Bruch der dörflichen Ordnung als vielmehr ihr eingebautes Schlupfloch – eine Art brauchtümlich sanktionierte Grauzone zwischen Verbot und Verständnis.

Ein Brauch mit vielen Namen

Verbreitet war das Fensterln vor allem im süddeutschen Raum und im Westen Österreichs, doch praktisch jede Region des deutschsprachigen Alpenvorlands kannte eine eigene Spielart davon. Im Berner Oberland sprach man vom Kiltgang, in Bayern und Österreich auch vom Kammerfensterln, in Norddeutschland von der Nachtfreierei, in Friesland vom Korteln und in Graubünden vom Z'Hengert gehen. So unterschiedlich die Namen klingen, so ähnlich war das Grundprinzip: ein nächtlicher, halb geheimer, halb geduldeter Besuch bei der oder dem Auserwählten, außerhalb der wachsamen Augen der Erwachsenen.

Vom ernsten Brauch zum Spaß

Mit dem Wandel der Gesellschaft hat das Fensterln seinen ursprünglichen Sinn weitgehend verloren. Junge, unverheiratete Menschen können sich heute ohne Weiteres öffentlich zeigen, wohnen oft schon lange vor der Heirat nicht mehr bei den Eltern, und die strengen dörflichen Sitten von einst sind vielerorts verblasst. Wo das Fensterln heute noch vorkommt, geschieht es meist aus Übermut oder als romantische Geste mit einem Augenzwinkern – nicht mehr aus Notwendigkeit. Wer es in manchen norddeutschen Regionen dennoch ernsthaft versucht, sollte sich im Übrigen bewusst sein, dass ein unangekündigter nächtlicher Fensterbesuch rechtlich durchaus als Hausfriedensbruch gewertet werden kann und längst nicht überall als liebenswertes Kulturgut durchgeht.

Geblieben ist die Erinnerung an eine Zeit, in der Zuneigung sich nicht in Nachrichten, sondern in nächtlichen Klettertouren ausdrückte – und in der ein knarrendes Fenster mehr verriet als jedes offene Gespräch am Tag.

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