
Halterbua
von Clemens Gull
Halterbua ist bairisch-österreichisch und bedeutet im wörtlichen Sinn: der Bub, der das Vieh hält. Also: der Hirt. Wer in einer steirischen oder salzburgischen Almhütte aufgewachsen ist, kennt den Begriff noch gut. Andernorts sagt man schlicht Halterbuam (Plural), im Steierischen besonders verbreitet, in Bayern und Salzburg ebenfalls geläufig.
Das Wort Halter hat dabei eine lange Geschichte. Im Mittelhochdeutschen bedeutete haltære ganz direkt „Hirt“ oder „Bewahrer“. Der Stamm geht auf althochdeutsch haltan zurück, was ursprünglich „hüten“ und „weiden“ meinte, also das Betreuen einer Herde. Erst später verschob sich die Bedeutung in Richtung „festhalten“ oder „aufbewahren“, wie wir es heute kennen. Der Halterbua ist demnach keine folkloristische Erfindung, sondern ein echtes, altes Berufswort.
Wer war der Halterbua?
In der bäuerlichen Welt des Alpenraums, die über Jahrhunderte von der Almwirtschaft geprägt war, gab es auf jeder Alm jemanden, der das Vieh betreute. Das war nicht immer der Bauer selbst. Oft war es ein Knecht, ein älterer Pensionist oder tatsächlich ein junger Bub aus der Nachbarschaft, der für einen Sommer die Aufgabe übernahm, die Tiere zu hüten, zu zählen, auf ihren Gesundheitszustand zu achten und sie morgens auf die Weide und abends wieder ein.
Der Halterbua lebte während der Sommermonate auf der Alm, oft in einer einfachen Hütte ohne Strom, mit Wasser aus dem Brunnen. Die Entlohnung war gering, die Arbeit täglich und wetterabhängig. Man kannte seine Tiere beim Namen oder zumindest am Aussehen, wusste welche zu welchem Hof gehörte, und bemerkte sofort, wenn eins fehlte.
Der Dienst begann meist Anfang Juni, wenn die Kühe auf die Alm getrieben wurden, und dauerte bis in den Herbst. Täglich ging es auf einen Rundgang, um die Vollzähligkeit der Herde und den Gesundheitszustand der Tiere zu überprüfen.
In der Almwirtschaft verwurzelt
Die Almwirtschaft gehört seit Jahrhunderten zum Leben der Alpenregionen. Auf Almen werden die Weideflächen während des Sommers von Nutztieren genutzt, die seit Generationen bewirtschaftet werden. Wenn die Tage kühler werden und der Almsommer vorbei ist, ziehen die Tiere zurück ins Tal. Der Halterbua war in diesem System eine wichtige, wenn auch wenig glamouröse Rolle: Er sorgte dafür, dass alles seinen geordneten Gang nahm.
Die Almwirtschaft im Alpenraum lässt sich bis zu vier Jahrtausende zurückverfolgen. Durch jahrhundertelange Bewirtschaftung dieser hochgelegenen Flächen entstand eine Kulturlandschaft von hohem Wert. Der Halterbua war über all diese Zeit ein Fixpunkt im Betrieb der Alm.
Nicht Senne, nicht Bauer
Es lohnt sich, den Begriff vom Senner oder der Sennerin abzugrenzen, mit dem er manchmal durcheinandergebracht wird. Sennerinnen und Senner sind Hirtinnen und Hirten, die auf der Alm das Vieh betreuen und gleichzeitig die Milch zu Käse, Butter und anderen Milchprodukten verarbeiten. Der Halterbua hingegen war reiner Viehhüter, ohne die Verantwortung für die Milchverarbeitung. Diese Unterscheidung war in der Praxis nicht immer trennscharf, aber begrifflich ist sie vorhanden.
Heute: zwischen Erinnerung und Realität
Der Begriff Halterbua klingt heute für viele nach einer versunkenen Welt. Das stimmt zum Teil: Die klassische Figur des Kindes oder Jungbauern, der allein mit der Herde auf der Alm verbringt, ist in der modernen Landwirtschaft weitgehend verschwunden. Eingezäunte Weiden, Mobiltelefone und veränderte Arbeitsverhältnisse haben das Berufsbild grundlegend gewandelt.
Und doch: Das Leben als Halterbua ist heute eher Berufung als Beruf, da man von der Entlohnung für diese Arbeit kaum leben könnte. Die Bezahlung erfolgt durch die Gemeinschaft der Bauern, deren Tiere auf der Alm betreut werden, und auch eine Unterkunft muss gestellt werden. Es gibt also noch Menschen, die diese Rolle übernehmen, meistens aus Leidenschaft zur Natur und zu den Tieren, nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit.
Im Volksmund lebt der Halterbua auch als Figur der Volksmusik weiter. Das Lied „Der Halterbua“ des Ischler Viergesangs ist nur eines von mehreren Beispielen, wie diese Rolle romantisiert und gleichzeitig bewahrt wurde.