
Kreuzweg
von Clemens Gull
Der Kreuzweg ist eine der ältesten und bis heute lebendigsten Andachtsformen der katholischen Kirche: In 14 Stationen wird der Leidensweg Jesu von seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus bis zur Grablegung nachgegangen – im Gebet, im Bild oder tatsächlich zu Fuß. Ursprung ist die Via Dolorosa in Jerusalem, jener Weg, den Pilger schon im frühen Mittelalter im Heiligen Land abschritten, um sich die letzten Stunden Jesu vor Augen zu führen. Da eine Pilgerreise ins Heilige Land den wenigsten offenstand, entstand seit dem Spätmittelalter, vor allem durch die Franziskaner, die Praxis, den Kreuzweg vor Ort nachzubilden – mit 14 Stationsbildern an den Wänden der Pfarrkirche oder als eigener Weg im Freien.
Besonders in den Alpenländern haben sich diese Kreuzwege oft nicht innerhalb der Kirchenmauern, sondern als Weg durch die Landschaft erhalten: gemauerte Bildstöcke oder schlichte Holztafeln, die einen Hang hinauf zu einem Kalvarienberg führen, jenem symbolischen Golgota am Ortsrand. Wer zu Fuß von Station zu Station geht, verbindet das Gebet mit Bewegung – eine Form der Andacht, die besonders in der Fastenzeit gepflegt wird.
In der Fastenzeit, von Aschermittwoch bis Karfreitag, wird der Kreuzweg in den Pfarren regelmäßig gebetet – oft an Freitagen, häufig auch gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen in eigens dafür verfassten, zeitgemäßen Texten. Höhepunkt ist der Karfreitag, an dem vielerorts Kreuzwegprozessionen stattfinden: Die Gemeinde zieht gemeinsam die Stationen ab, ein Vorbeter liest jeweils den Text, dazwischen wird gesungen oder in Stille verharrt.
Über die historische Erinnerung hinaus versteht man den Kreuzweg bis heute auch als Einladung, das eigene Leid und das Leid in der Welt mit dem Leidensweg Jesu in Verbindung zu bringen – manche Pfarren gestalten die Stationen daher bewusst mit Bezug auf aktuelle Not und Ungerechtigkeit.



