
Latschn, Latschenkiefer
von Clemens Gull
Wer im Sommer durch die Alpen wandert, stößt früher oder später auf ein eigentümliches Gewächs: ein zähes, niedrig bleibendes Nadelgehölz, das sich gleichsam in die Hänge hineinschmiegt, krümmt und verbiegt, als wolle es trotzig den Bergwind und die Schneelast auslachen. Das ist die Latschn, auch Latschenkiefer oder Bergkiefer genannt. Ihr botanischer Name lautet Pinus mugo, und sie ist unter einer ganzen Reihe von Bezeichnungen bekannt: Bergföhre, Legföhre, Legkiefer, Krummholzkiefer, Zunter oder schlicht Krüppelkiefer. Im Volksmund wird sie mancherorts auch liebevoll „Bergsegen“ gerufen, was bereits viel über ihren Ruf in der Alpenbevölkerung verrät.
Herkunft und Verbreitung
Die Bergkiefer stammt ursprünglich aus den Gebirgen Mittel- und Osteuropas und gedeiht dort in teils extremen Höhenlagen von etwa 1.000 bis 2.700 Metern. Ihr natürliches Verbreitungsgebiet liegt oberhalb der potenziellen Hochwaldgrenze, und in Lawinenbahnen steigt sie mitunter sogar in tiefere Lagen herab. Sie ist damit keine Baumart des gemütlichen Mittelgebirges, sondern eine echte Pionierin der Extremlagen, eine Pflanze, die dort Fuß fasst, wo andere längst aufgegeben haben.
Egal ob schneereiche Winter oder starke Winde: Die Latschenkiefer trotzt den Bedingungen. Mit verzweigten Wurzeln findet sie auch in steinigen Steillagen Halt und übernimmt so eine wichtige Funktion als Lawinenschutz.
Erscheinungsbild: klein, zäh, eigenwillig
Die vielstämmige, strauchige Wuchsform erreicht in der Regel eine Höhe zwischen drei und fünf Metern. Charakteristisch ist der kriechende Wuchs der bodennahen Stämme, die sich erst zum Kronenbereich hin aufrichten. Die Borke am unteren Stammbereich ist schuppig, tief- bis graubraun, gelegentlich fast schwärzlich gefärbt. Die Nadeln sind dunkelgrün und etwa drei bis vier Zentimeter lang. Die Zapfen sind eiförmig und nehmen im zweiten Jahr eine satte Braunfärbung an.
Der typische, gedrungene Wuchs ist kein Zufall, sondern eine Überlebensstrategie: Wer nicht aufrecht steht, kann auch nicht so leicht abbrechen. Die Schneelast drückt die Äste nieder, die Pflanze gibt nach und federt zurück, sobald der Frühling kommt.
Die Latschn im Krummholzgürtel
Die Latsche ist zusammen mit der Grünerle eine charakteristische Baumart des Krummholzgürtels, jener Vegetationszone knapp unterhalb und um die alpine Baumgrenze herum. In den Bayerischen Hochalpen prägt sie weite Landschaftsabschnitte und behauptet sich langfristig, weil ihr genau die Standorte liegen, auf denen konkurrenzstärkere Baumarten nicht mehr gedeihen: Lawinenschneisen, Geröllfelder, windzerzauste Gipfelbereiche.
In Deutschland steht die Latschenkiefer unter Naturschutz. In Bayern ist sie zusätzlich auf der Roten Liste geführt, gilt dort zwar noch nicht als gefährdet, befindet sich aber auf der Vorwarnstufe. Vor allem in Blockmeeren und Gipfellagen des Bayerischen Waldes zeichnen sich Beeinträchtigungen durch Wanderwege, Kletterrouten und Baumaßnahmen ab.
Volksmedizin und das berühmte Latschenöl
Für die Bergbevölkerung war die Latschn nie bloß Landschaft, sondern auch Apotheke. In der Volksmedizin wurden Produkte aus der Latschenkiefer schon lange bei Erkältungskrankheiten, rheumatischen Beschwerden und Muskelschmerzen eingesetzt.
Die Idee, daraus ein industriell gefertigtes Heilmittel zu gewinnen, entwickelte ein Apotheker aus Bad Reichenhall Mitte des 19. Jahrhunderts. Seither wird aus den Zweigen und Nadeln durch Wasserdampfdestillation das ätherische Öl gewonnen und gegen Atemwegserkrankungen, Muskelverspannungen und Gelenkschmerzen eingesetzt.
Für einen Liter Latschenkieferöl werden rund 300 Kilogramm Kiefernnadeln benötigt, was die Kostbarkeit des Rohstoffs erklärt und auch den Grund liefert, warum die Pflanze nicht einfach wild geerntet werden darf.
Das Latschenöl ist heute aus Saunaaufgüssen, Franzbranntwein, Erkältungsbalsamen und Fußbädern nicht wegzudenken: ein echter Klassiker der alpinen Hausapotheke, der seinen Weg vom Bergkraut zur Drogerieware gemacht hat, ohne dabei seinen Ursprung zu verleugnen.
Bedeutung heute
Die Latschn ist heute mehr als ein botanisches Randphänomen. Als Landschaftsprägerin der Hochlagen, als Schutzpflanze gegen Erosion und Lawinen und als Rohstofflieferantin für eine lebendige Tradition der alpinen Volksmedizin hat sie eine Bedeutung, die weit über ihre bescheidene Gestalt hinausgeht. Dass sie unter Naturschutz steht und trotzdem zunehmend unter Druck gerät, macht sie auch zu einem Symbol für die Fragilität alpiner Ökosysteme im Tourismuszeitalter.