
Marketender
von Clemens Gull
Das Wort „Marketender“ leitet sich vom Lateinischen „mercatante“ ab und bedeutet schlicht Händler oder Kaufmann. Im Deutschen ist der Begriff seit dem 16. Jahrhundert vor allem in der Soldatensprache belegt, und er bezeichnet ursprünglich Menschen, die militärische Truppen mit Waren des täglichen Bedarfs versorgten.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Die historischen Marketender gehörten zum Tross der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Heere. Fast jede Kompanie der Landsknechte hatte einen eigenen Marketender, der die Soldaten als Händler mit Lebensmitteln versorgte.
Durch den Wandel hin zu Söldnerheeren übernahmen zunehmend auch Frauen diese Aufgabe. Da den Söldnern das Heiraten nicht verboten war, zogen oft Ehefrauen und Kinder mit dem Heer durch die Lande. Das war keine Idylle: Das Leben einer Marketenderin bestand aus harter Arbeit, und die Gefahr, in den Kriegswirren getötet oder vergewaltigt zu werden, war allgegenwärtig. Marketenderinnen waren deshalb teilweise mit Dolchen oder Pistolen bewaffnet.
Ihre Aufgaben gingen weit über den Handel hinaus: Sie betreuten Soldaten im Lager, kochten, reparierten Kleidung, kümmerten sich um kranke und verwundete Männer. Viele Soldaten verdankten der heilkundigen Pflege einer Marketenderin ihr Leben.
Der Begriff war jedoch nicht frei von Doppeldeutigkeit. Die weibliche Form „Marketenderin“ konnte auch Prostituierte bezeichnen, die Heere im Tross begleiteten. Diese Vermengung verschiedener Frauenrollen im militärischen Tross ist historisch gut belegt und sollte nicht beschönigt werden.
Im 19. Jahrhundert verschwand die Marketenderin aus dem Bild der modernen Armeen, als stehende Heere in Friedenszeiten in Kasernen untergebracht wurden und der Tross seine Existenzgrundlage verlor.
Die Wiederentdeckung im Tiroler Schützenwesen
Hier beginnt das zweite, sehr eigenständige Leben dieser Figur. Die Marketenderin als Traditionsfigur im Schützenwesen ist eine vergleichsweise junge Erscheinung, deren „Erfindung“ und historische Wurzeln in der volkskundlichen Forschung eigens untersucht wurden.
Die Geschichte der Marketenderinnen in den Reihen der Tiroler Schützenkompanien beginnt erst etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es wird vermutet, dass die Tiroler Schützen die Figur in bewusster Erinnerung an die Franzosenkriege von 1809 neu belebt haben, als Frauen tatsächlich eine aktive Rolle im Widerstand gegen die napoleonischen Truppen spielten.
Den ersten großen Höhepunkt erreichte die weibliche Begleitung bei Schützenumzügen im Jahr 1909, beim großen Gedenkzug in Innsbruck anlässlich des 100. Jahrestages der Erhebung von 1809, im Beisein von Kaiser Franz Joseph I.
Regionale Besonderheiten
Heute wird der Begriff Marketenderin vor allem für Frauen verwendet, die eine Marsch- oder Blaskapelle begleiten und die Musiker mit Getränken versorgen, hauptsächlich in Süddeutschland, Österreich, Südtirol und dem Trentino.
Innerhalb Tirols gibt es dabei durchaus regionale Unterschiede: In Nordtirol muss eine Marketenderin ledig sein, in Ost- und Südtirol gilt das nicht zwingend.
Die Pflege des Trachtenverständnisses spielt eine zentrale Rolle: Marketenderinnen sollen nicht nur wissen, wie die jeweilige regionale Festtagstracht korrekt getragen wird, sondern auch, welche Geschichte und Bedeutung dahintersteckt. Trachtenpflege bedeutet dabei immer auch Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte und Kultur.
Bedeutung heute
Die Rolle der Marketenderin geht heute weit über das Tragen der traditionellen Tracht und das Ausschenken von Schnaps hinaus. Als Botschafterinnen ihrer Kultur, Geschichte und Werte repräsentieren Marketenderinnen den Zusammenhalt und den Stolz ihrer Gemeinschaft.
Heute ist ein Ausrücken ohne Marketenderinnen in Tirol kaum mehr vorstellbar. Frauen aller Berufsgruppen nehmen diese Rolle wahr, genießen aktives Wahlrecht in der Kompanie und sind gleichberechtigte Mitgestalterinnen des Vereinslebens.
Jedoch ist die Rolle auf ein Geschlecht bezogen kritisch zu betrachten. Denn immer mehr vermischen sich die tradierten Rollenbilder. Auch Männer sind heutzutage Marketender, wie auch Frauen als aktive Schützinnen auftreten. Dies ist in allen Bereichen des Brauchtums zu sehen und führt oft zu problematischen Situationen. Denn hergebrachte, oft fälschlich geglaubte Traditionen, verbieten manchen die Offenheit für verschieden Geschlechter in manchen Rollen. Wobei wir hier eindeutig festhalten:
Brauchtum und Rollen im Brauchtum,
sind heute nicht mehr an ein Geschlecht oder
andere Personenmerkmale geknüpft und
stehen jedem Menschen offen!