
Taferlbua, Taferlmadl
von Clemens Gull
Wer schon einmal einem Festzug im bayerisch-österreichischen Alpenraum zugeschaut hat, dem ist er vielleicht aufgefallen: ein Kind in Tracht oder Vereinskleidung, das ganz alleine an der Spitze einer Abordnung marschiert und ein hölzernes Schild vor sich herträgt. Dieses Kind ist der Taferlbua und seine Aufgabe ist kleiner als sie aussieht, aber bedeutsamer als man zunächst denken mag.
Was bedeutet der Begriff?
Als Taferlbua, Taferlbub oder Tafelbub bezeichnet man im bairisch-österreichischen Sprachraum einen Knaben (oder natürlich auch Mädchen als Taferlmadl oder Taferldirndl), der bei einem Festzug mit dem Schild seines Vereins vor der Vereinsabordnung marschiert. Das Wort setzt sich zusammen aus „Taferl“ (das kleine Schild oder Täfelchen) und „Bua“ (der Bub, der Junge) bzw. Madl/Dirndl (für wie).
Das Taferl selbst ist ein auf einem Holzstab befestigtes Schild, auf dem der Name des Vereins steht. Wenn ein Verein auswärts bei einem Zusammentreffen oder Brauchtum auftritt, soll jeder wissen, wer da kommt und woher sie stammen.
Herkunft und historischer Hintergrund
Eine präzise historische Erstbelegung des Brauchs ist schwierig nachzuweisen. Fest steht, dass das Vereinswesen im bayerisch-österreichischen Raum seit dem 19. Jahrhundert stark zugenommen hat, Schützenvereine, Musikkapellen, Trachtler, Feuerwehren, Krampusse, Perchten und mit ihm die Festzugskultur. Das Taferl als Erkennungszeichen eines Vereins im Umzug ist eine praktische wie symbolische Lösung: Es kündigt die Gruppe an, bevor die Fahne sichtbar wird.
Besonders bei den bayerischen Gebirgsschützenkompanien ist der Taferlbua seit Langem fester Bestandteil des Auftretens bei Festzügen. Ähnliche Gepflogenheiten finden sich auch in Trachtenvereinen, Blaskapellen, Feuerwehren, Perchten und Krampusvereinen. Je nach Gegend und Verein kann es Unterschiede in der Gestaltung des Taferls, der Tracht des Taferlbua und den genauen Gepflogenheiten geben.
Ablauf und typische Elemente
Beim Festzug wird die Vereinsabordnung vom Taferlbua angeführt, der das Vereinstaferl trägt, gefolgt von der Fahnenabordnung mit der Vereinsfahne und den weiteren Mitgliedern.
Das Taferl wird an einer Stange getragen und vor dem Körper gehalten. Da ein solches Holztaferl je nach Größe durchaus einiges wiegen kann, gibt es inzwischen speziell gefertigte Ledertragegurte für Kinder. Ein Kreuztragegurt verteilt das Gewicht gleichmäßig auf beide Schultern, verhindert ein Verrutschen und hält die Stange mittig vor dem Körper.
Das Tragen des Vereinstaferls gilt für Kinder und Jugendliche als besondere Ehre.Mit Stolz und Freude laufen sie an der Spitze ihres Vereins und kündigen ihn an.
Regionale Besonderheiten
Der Taferlbua ist vorwiegend in Bayern und im österreichischen Voralpenland verbreitet, in Regionen also, in denen das Vereinsleben und die Festzugskultur noch sehr lebendig sind. Schützenvereine, Blaskapellen und Trachtenvereine in Salzburg, Tirol, Ober- und Niederösterreich sowie weiten Teilen Bayerns kennen den Brauch.
In manchen Vereinen übernehmen diese Aufgabe ausschließlich Söhne oder Töchter von Vereinsmitgliedern oder junge, aktive Vereinsmitglieder. Andernorts ist die Aufgabe offen für alle Kinder im Vereinsumfeld. In kirchlichen Prozessionen wie Fronleichnam kann eine ähnliche Rolle von Kindern übernommen werden, die Vereins- oder Pfarrtafeln tragen, auch wenn der Begriff „Taferlbua“ dort nicht immer verwendet wird.
Bedeutung heute
Wer heute als Taferlbua oder Taferlmadl mitläuft, trägt nicht einfach ein Stück Holz durch die Straßen. Er oder sie übernimmt eine Aufgabe mit Verantwortung und steht dabei buchstäblich ganz vorne. Für viele Kinder ist das der erste bewusste Berührungspunkt mit dem Vereinsleben ihrer Gemeinde, eine Art Initiationsmoment, bevor man später vielleicht selbst Fahnenträger oder aktives Mitglied wird.
Dass es heute eigens gefertigte Tragegurte und gepflegte Holztaferln gibt, zeigt: Dieser scheinbar kleine Brauch wird ernsthaft und liebevoll weitergepflegt. Er verbindet Kinder mit der Vereinstradition ihrer Region und gibt ihnen einen sichtbaren, stolzen Platz im Festzug.