Prozession

Wallfahrt

von Clemens Gull

Eine Wallfahrt ist die bewusste Reise zu einem heiligen Ort, an dem Gläubige der Nähe des Göttlichen besonders sicher zu sein glauben – sei es zur Heilung von Leiden, aus Dank oder um ein Anliegen vorzutragen. Die Praxis ist älter als das Christentum: Schon in antiken Kulturen zogen Menschen zu Kultstätten, die als besonders heilig galten. Das frühe Christentum übernahm diesen Gedanken ab dem 4. Jahrhundert – zunächst mit Reisen zu den Gedenkstätten Christi im Heiligen Land, bald darauf zu den Apostelgräbern in Rom und, ab dem 11. Jahrhundert, zum Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela.

Im Alpenraum und in Mitteleuropa entstanden ab dem Mittelalter zahlreiche eigene Wallfahrtsorte, meist rund um wundertätige Marienbilder oder verehrte Heilige. Mariazell in der Steiermark zieht seit dem 13. Jahrhundert Pilger an, St. Wolfgang am Abersee seit dem frühen 14. Jahrhundert, und in Altötting in Oberbayern setzte nach einem ersten Wunder im Jahr 1489 binnen weniger Jahre ein Pilgerstrom aus Böhmen, Wien, Kärnten, der Steiermark und Südtirol ein. Allein im Erzbistum Salzburg sind bis heute 175 solcher Pilgerstätten dokumentiert – darunter Großgmain, das im 17. Jahrhundert als größte und wichtigste Wallfahrt im Erzstift Salzburg galt, sowie Maria Plain und Maria Kirchental, wo sich seit 1757 gestiftete Votivtafeln erhalten haben.

Eine Sonderform ist die Bergwallfahrt: Seit rund 300 Jahren ziehen am 28. und 29. Juni Pilger zur Adlersruhe auf den Großglockner, um dort in großer Höhe gemeinsam Gottesdienst zu feiern – ein Beleg dafür, wie eng Wallfahrt und alpine Landschaft im Salzburger und Tiroler Raum verwoben sind.

An den Zielorten selbst entwickelten sich über die Jahrhunderte eigene Rituale: das Darbringen von Votivgaben und gemalten Votivtafeln als sichtbarer Dank für erhörte Bitten, gemeinsame Bitt- und Dankgebete sowie zeremonielle Waschungen an Gnadenbrunnen. Wallfahrtsorte hatten daneben auch handfeste wirtschaftliche Bedeutung für ihre Umgebung – durch Gastgewerbe, Spenden für den Kirchenbau und gestiftete Messen. Von der ökumenisch offenen Praxis des Pilgerns unterscheidet sich die Wallfahrt bis heute durch ihren dezidiert katholischen Charakter: Ziel ist nicht allein der Weg, sondern die Ankunft an einem konkreten Gnadenort.

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