
Wergflockn
von Clemens Gull
Wer als Kind in einer alten Dorfkirche im Salzburger Land oder in Tirol den Pfingstgottesdienst erlebt hat, erinnert sich vielleicht an einen merkwürdigen und gleichzeitig faszinierenden Moment: Aus einem kleinen Loch im Kirchengewölbe hoch oben fielen plötzlich glimmende Flocken herab, schwebten durch den Kirchenraum und ließen kurze Lichtpunkte aufflackern, bevor sie erloschen. Diese brennenden Fäserchen heißen im volkstümlichen Ausdruck des Alpenraums Wergflockn – und hinter ihnen steckt ein mittelalterlicher Brauch, der das Unsichtbare sichtbar machen wollte.
Werg bezeichnet die groben, kurzfaserigen Abfallreste, die beim Verarbeiten von Flachs oder Hanf anfallen. Diese lockeren Faserbüschel brennen leicht und langsam, sie glimmen mehr als sie lodern, und wenn man sie entzündet und loslässt, fallen sie in sanften, leuchtenden Flocken zu Boden. Genau diese Eigenschaft machte sie zu einem liturgischen Darstellungsmittel: Die Wergflockn sollten die Feuerzungen versinnbildlichen, die nach dem Bericht der Apostelgeschichte zu Pfingsten auf die Jünger Jesu herabkamen.