
Heiliger Nikolaus
von Clemens Gull
Hinter dem Gabenbringer, der jedes Jahr am Vorabend des 6. Dezember an die Tür klopft, steht eine historische Person: Nikolaus war Bischof von Myra, einer Stadt im heutigen Süden der Türkei, und starb vermutlich im 4. Jahrhundert – das genaue Todesjahr schwankt in den Quellen zwischen 326 und 365. Früh zur Waise geworden, erbte er ein beträchtliches Vermögen, das er der Überlieferung nach vollständig für Bedürftige einsetzte. Aus dieser Grundhaltung speist sich eine der ältesten Nikolauslegenden: die Geschichte vom armen Vater, der seine drei Töchter mangels Mitgift in Not verkaufen wollte, bis Nikolaus in drei aufeinanderfolgenden Nächten je einen Klumpen Gold durchs Fenster warf und die Mädchen so vor diesem Schicksal bewahrte. Diese Legende gilt als eigentlicher Ursprung des heimlichen, nächtlichen Schenkens, das bis heute den Kern des Brauchs bildet.
Um die Person rankten sich über die Jahrhunderte zahlreiche weitere Erzählungen, die sich historisch nicht immer sauber trennen lassen – die Forschung geht davon aus, dass sich die Überlieferung des Bischofs von Myra mit der eines gleichnamigen späteren Abtes des Sion-Klosters vermischt hat. Ein zweiter, davon deutlich unterschiedener Erzählstrang zeigt Nikolaus nicht als Gabenbringer, sondern als unerschrockenen Richter und Fürsprecher zu Unrecht Verurteilter – am eindrücklichsten im Stratelatenwunder, in dem er einem Henker das erhobene Schwert aus der Hand reißt. Aus genau diesem Motiv von gerechtem Lohn und Strafe speist sich später auch die Doppelfigur aus mildem Nikolaus und strafendem Krampus, ohne dass die Legende diese Paarung selbst schon vorwegnimmt.
Nach seinem Tod wuchs der Kult rasch: Aus seinen Gebeinen soll heilendes Öl geflossen sein, was Myra zu einem bedeutenden Wallfahrtsort machte. Als die Stadt 1087 vor der Eroberung durch seldschukische Truppen aufgegeben wurde, entführten süditalienische Kaufleute die Gebeine nach Bari, wo bis heute die Basilika San Nicola über ihnen steht. Allein zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert wurden nördlich der Alpen mehr als 2.200 Kirchen nach ihm benannt – ein Ausmaß, das ihn zu einem der meistverehrten Heiligen des Mittelalters macht. In der bildlichen Darstellung ist er bis heute klar erkennbar: Mitra und Bischofsstab, dazu ein Buch, auf dem drei goldene Kugeln oder Äpfel liegen – ein stiller Verweis auf die drei geretteten Töchter. Als Schutzpatron steht er unter anderem für Kinder, Seefahrer, Bäcker und Kaufleute.
Im Alpenraum ist aus dem historischen Bischof längst eine feste weihnachtliche Figur geworden, die weit über die Kirche hinausreicht – nachzulesen etwa im Nikolausbesuch mit seinen Ritualen rund um Stiefel, Gaben und Hausbesuch, oder im Salzburger Nikolausgarten. Sein fester Gegenpart bleibt dabei der Krampus: Während der Nikolaustag am 6. Dezember dem Lob der Braven gehört, ist der Vorabend als Krampusnacht dem Mahnenden vorbehalten – zwei Figuren, ein gemeinsamer Ursprung im Spannungsfeld von Güte und Gerechtigkeit, das schon die spätantiken Legenden prägte.
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Hl. Nikolaus verteilt Geschenke in einem Supermarkt am 6. Dezember