Krampus

Krampus

von Clemens Gull

Ziegenfüße, zottiges Fell, Hörner, eine geschnitzte Holzmaske – die sogenannte Larve – und im Gefolge das Scheppern schwerer Ketten und Glocken: So zieht der Krampus jedes Jahr um den 5. Dezember durch die Straßen des Alpenraums. Sein Name geht vermutlich auf das mittelhochdeutsche „Krampen“ zurück, das so viel wie Kralle oder verkrümmte Klaue bedeutet – ein Hinweis auf die krallenartigen Hände, mit denen er in älteren Darstellungen unartige Kinder packt. Regional trägt er viele Namen: Klaubauf, Kramperl, Tuifl oder Ganggerl, je nachdem, ob man im Salzburger Land, in Tirol oder in der Steiermark unterwegs ist.

Seine Ursprünge liegen im Dunkeln der vorchristlichen Wintermythologie – Volkskundler vermuten Wurzeln in alten Bräuchen, mit denen man in der kalten Jahreszeit böse Geister vertreiben wollte. Mit dem heiligen Nikolaus verbindet sich der Krampus erst später: Im Mittelalter traten in kirchlichen Nikolausspielen bereits finstere Begleiter des Bischofs auf, zur festen Paarung aus strafendem Krampus und gütigem Nikolaus wurde daraus aber erst in der Zeit der Gegenreformation. Anders als seine Perchten-Verwandten, die in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig umgehen, hat der Krampus seinen festen Platz am Vorabend des Nikolaustags – der 5. Dezember gilt als die eigentliche Krampusnacht. Beide Traditionen speisen sich aus derselben Vorstellungswelt maskierter Wintergeister; in Wien lässt sich der Krampus als Begleiter des Nikolaus urkundlich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen.

Populär im heutigen Sinn wurde der Krampus im 19. Jahrhundert: Mit der Einführung der Postkarte in Österreich 1869 entstand rasch eine regelrechte Mode kolorierter, gedruckter „Krampuskarten“ mit dem Gruß „Gruß vom Krampus“ – mal zum Fürchten, mal augenzwinkernd-frivol, gedruckt in Wien und München und massenhaft verschickt. In der Zwischenkriegszeit bekam die Figur sogar eine politische Dimension: In Wahlkampf-Karikaturen diente der Krampus als Sinnbild des Bedrohlichen, während sozialdemokratische Pädagogen in den 1920er-Jahren offen gegen die Angstmache durch den Krampus Stellung bezogen. Kinderaufsätze aus jener Zeit zeigen allerdings, dass viele Kinder die vermeintlich furchteinflößende Gestalt längst durchschaut und eher amüsiert betrachtet hatten, als sich wirklich zu fürchten.

Heute lebt der Krampus vor allem im Krampuslauf weiter: In sogenannten Passen ziehen die Maskenträger durch die Orte, organisiert von hunderten Krampus- und Perchtenvereinen, die großen Wert auf handwerklich echte Masken und Kostüme legen. Die Faszination hat längst die Grenzen des Alpenraums gesprengt – mittlerweile gibt es Krampusläufe und -festivals von amerikanischen Großstädten bis nach Tokio, wo japanische Krampus-Fans die alpine Tradition mit sichtlicher Begeisterung übernommen haben. Was als lokaler Wintergeist begann, ist damit zu einem der bekanntesten Exportartikel des österreichischen Brauchtums geworden.

Bildrechte
Advent

Foto von Unsplash+

Krampus

2024, Clemens Gull, Salzburg