
Adventbräuche | Einkehrbräuche
Krampuslauf
von Clemens Gull
Wenn Anfang Dezember die Nächte kalt und dunkel werden, hört man in vielen Orten im Voralpenland ein tiefes, dumpfes Glockenläuten und schrilles Scheppern in den Gassen. Es ist die Zeit des Krampuslaufens, eines der eindrucksvollsten Bräuche des Alpenraums. Der Krampus ist der wilde Begleiter des heiligen Nikolaus und verkörpert das Strafende, Dunkle und Mahnende. Während der Nikolaus die braven Kinder belohnt, erinnert der Krampus daran, dass Fehlverhalten Folgen haben kann – eine symbolische Darstellung des Gegensatzes von Gut und Böse, Licht und Schatten.
Für die Braven das Gute,
für die Bösen die Rute,
Der Ursprung des Brauchs reicht weit zurück. Schon im Mittelalter gab es Nikolausspiele, bei denen finstere Gestalten als Begleiter des Bischofs auftraten. Volkskundler vermuten aber, dass das Krampuslaufen noch ältere, vorchristliche Wurzeln hat, als man in den Wintermonaten böse Geister austreiben und die Sonne zurückholen wollte. Im Laufe der Jahrhunderte verband sich dieser alte Winterbrauch mit dem kirchlichen Nikolausfest (6. Dezember). Der Krampus erhielt Hörner, Fell, eine Rute und oft eine kunstvoll geschnitzte Holzmaske, die sogenannte Larve.
Die großen, choreografierten Umzüge mit Fixstrecke, Programm und Publikum, wie man sie heute aus Salzburg, Tirol oder Kärnten kennt, sind dabei jüngeren Datums als der Brauch selbst: Als organisierte Veranstaltung etablierten sie sich erst ab Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre, zunächst im Pinzgau, bald darauf auch im Pongau. Älter und bis heute lebendig ist daneben der private Hausbesuch am Vorabend des Nikolaustags: Dabei ziehen Nikolaus, ein oder mehrere Krampusse sowie oft ein Engel oder Körbelträger von Tür zu Tür, prüfen bei den Kindern nach, ob sie brav waren, und teilen je nachdem Rute oder Gaben aus. Beide Formen – der spektakuläre Umzug und der stille Hausbesuch – bestehen bis heute nebeneinander, oft sogar am selben Abend in derselben Gemeinde.
Regional unterscheidet sich das Krampuslaufen deutlich. In Salzburg ist es Brauch, Zuschauerinnen und Zuschauer mit der Rute zu „tratzen“ – ein spielerisches Necken, das zum festen Ablauf gehört. In Kärnten dagegen dominieren reine Schauläufe mit Feuerwerk, Fackeln und Feuerspuckern, etwa beim mit rund 1,5 Kilometern längsten Krampuslauf Österreichs in Klagenfurt. In Osttirol gehört zum Umzug vielerorts zusätzlich der Krampuswurf – eine dem Ranggeln verwandte Kraftprobe zwischen Krampus und einem freiwilligen „Raufbold“ – sowie mancherorts das Tischziachn, ein Gerangel um einen massiven Holztisch. In Tirol wiederum ist das Tuifltratzen verbreitet: Kinder und Jugendliche versuchen als Mutprobe, die Krampusse zu reizen, ohne von der Rute erwischt zu werden. Zu den größten Läufen zählt jener in St. Johann im Pongau, der schon deutlich über tausend Maskenträger auf einmal auf die Straße gebracht hat.
Heute ist das Krampuslaufen weit mehr als nur ein Schreckensspektakel. In Salzburg, Tirol, der Steiermark und Teilen Bayerns organisieren sich hunderte Krampus- und Perchtenvereine (beispielsweise die Salzburger Schiachpechrt’n und Krampusse oder den Salzburger Nockstoa Perchtn), die großen Wert auf Tradition, Handwerk und Disziplin legen. Besonders bekannt sind die Läufe im Pongau, in St. Johann, Anif oder Salzburg Stadt, wo hunderte Maskenträger – meist in Gruppen, sogenannten Passen – durch die Straßen ziehen. Viele Gruppen arbeiten eng mit Schnitzern (beispielsweise Franz Metzger oder Rettei), Fellmachern und Ausstattern zusammen, um alte Formen zu erhalten und das traditionelle Handwerk weiterzugeben.
Mit der Größe der Läufe ist auch die Organisation professioneller geworden. Viele Vereine haben sich eigene Verhaltenskodizes gegeben: Alkoholverbot vor und während des Laufs für alle Maskenträger, an manchen Orten ein Rutenverbot während der eigentlichen Umzugsstrecke, dazu abgesperrte Laufwege und klare Ansprechpersonen für Zuschauerinnen und Zuschauer. Die Rute selbst hat sich dabei gewandelt – von einem einst ernst gemeinten Erziehungsmittel zu einem Element der Inszenierung, das zum Schauspiel gehört, ohne tatsächlich wehtun zu sollen. Dieser Balanceakt zwischen archaischer Wildheit und geregeltem Rahmen ist es, der die heutigen Krampus- und Perchtenvereine – auch die eigenen „Salzburger Schiachpercht’n und Krampusse“ – vor die Aufgabe stellt, alte Formen lebendig zu halten, ohne die Sicherheit der Beteiligten aus dem Blick zu verlieren.
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Clemens Gull



