
Sonstige Bräuche
Ranggeln (Jakobiranggeln oder Hundstoaranggeln)
von Clemens Gull
Ranggeln ist im Kern eine alte Form des Ringens. Zwei Gegner fassen einander an einem eigens vorgeschriebenen Anzug, dem sogenannten Rangglerstoff, und versuchen, den anderen flach auf den Rücken zu zwingen, bis beide Schulterblätter den Boden berühren. Nicht erlaubt sind Griffe, die würgen, Gelenke verhebeln oder gezielt Schmerz zufügen, gefragt sind stattdessen Technik, Standfestigkeit und ein guter Körpereinsatz. Wer beim Hundstoaranggeln alle seine Gegner bezwingt, darf sich ein Jahr lang Hagmoar nennen, sozusagen den inoffiziellen König dieses Bergwettkampfs.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Wie alt das Ranggeln wirklich ist, lässt sich nicht auf ein einziges Datum festlegen. Belege für das Kräftemessen im Alpenraum reichen bis ins 14. Jahrhundert zurück, weshalb es zu den ältesten überlieferten Sportarten der Region gehört. [Nicht eindeutig belegt] Immer wieder werden auch keltische Wurzeln ins Spiel gebracht, doch dafür fehlen gesicherte Nachweise, und diese Herleitung sollte man eher als beliebte Erzählung denn als belegte Geschichte lesen.
Für das Hundstoaranggeln selbst wird das Jahr 1518 als erste urkundliche Erwähnung genannt, so stellen es der Salzburger Rangglerverband und das SalzburgWiki dar. In seinen Anfängen war das Ranggeln ein gutmütiger Wettstreit unter den Almleuten, unter Sennern und Knechten also, die den Sommer oben auf den Bergen zubrachten. Aus diesem bäuerlichen Zeitvertreib wurde über die Jahrhunderte ein geregelter Wettkampf, und 1947 gründete sich in Zell am See der Salzburger Rangglerverband, der bis heute für einheitliche Regeln sorgt.
Ablauf, Regeln und die Figur des Hagmoar
Der Schauplatz ist außergewöhnlich. Gerangelt wird nicht in einer Halle, sondern auf einem Kampfplatz unter freiem Himmel, knapp unter dem Gipfel des Großen Hundstein bei Maria Alm auf gut 2.100 Metern Höhe. Die genaue Höhenangabe schwankt in den Quellen zwischen 2116 und 2117 Metern, am Ergebnis ändert das aber wenig, denn es bleibt ein rauer, hochgelegener Platz, den Ranggler wie Publikum nur zu Fuß erreichen.
Der Termin richtet sich nach dem Jakobstag, dem Gedenktag des Apostels Jakobus des Älteren am 25. Juli. Ausgetragen wird das Fest am Jakobisonntag, also am Sonntag rund um dieses Datum, weshalb einzelne Quellen auch schlicht vom letzten Juli-Sonntag sprechen. Wer den genauen Tag und das Programm eines bestimmten Jahres wissen möchte, schaut ihn am besten direkt beim Veranstalter nach, da sich Termine verschieben können.
Der Tag folgt einem festen Ablauf. Wer oben ankommt, hat einen mehrstündigen Aufstieg über die alten Steige hinter sich, und ehe der erste Griff sitzt, wird zunächst eine Bergmesse gefeiert. Musikkapellen, Schnalzer und Goasler sorgen für den festlichen Rahmen, ihr Peitschenknallen ist weithin über den Berg zu hören. So verbindet sich der sportliche Wettkampf mit einem echten Almfest, bei dem das Zuschauen ebenso dazugehört wie das Ranggeln selbst.
Den Sieger feiert man als Hagmoar. Der Name stammt aus der bäuerlichen Welt. Das Wort „Hag“ meint einen Zaun, wie er einst eine Weide oder auch einen Platz zum Ranggeln umgab, „Moar“ wiederum bezeichnete die höchste Kraft im Gesinde, also den ersten Knecht oder die erste Dirn auf einem Hof. Sinngemäß ist der Hagmoar damit der Erste im Ring. Als sichtbares Zeichen des Sieges gibt es je nach Darstellung eine Fahne, einen Pokal oder einen Geldpreis, überliefert ist außerdem eine weiße Feder, mit der der Sieger ausgezeichnet wird.
Regionale Besonderheiten
Das Ranggeln ist kein rein salzburgerisches Phänomen. Geregelt wird der Sport heute von vier Verbänden in Bayern, Tirol, Südtirol und Salzburg. Sie legen unter anderem fest, wie der Rangglerstoff auszusehen hat und aus welchem Material er gefertigt sein muss. Innerhalb Salzburgs gelten der Pinzgau und der Pongau als Hochburgen, und über die Saison verteilt gibt es zahlreiche weitere Wettkämpfe, doch das Hundstoaranggeln bleibt der bekannteste und traditionsreichste unter ihnen.
Gerade seine Lage macht den Hundstein zum idealen Treffpunkt. Er erhebt sich zentral zwischen mehreren Pinzgauer Tälern, sodass Ranggler und Publikum aus unterschiedlichen Richtungen heraufsteigen können, etwa aus Richtung Maria Alm, Zell am See oder Bruck. Schon in früheren Zeiten trafen hier Menschen aus mehreren Tälern zusammen, was den Berg über die Jahrhunderte zur Wiege des Salzburger Ranggelsports werden ließ.
Bedeutung heute
Aus dem einstigen Zeitvertreib der Almleute ist längst ein ernsthafter Sport geworden, der Technik, Kraft und jahrelanges Training verlangt. Gleichzeitig ist das Hundstoaranggeln ein großes Publikumsereignis. Je nach Jahr und Wetter sprechen Berichte von mehreren tausend Besucherinnen und Besuchern, die den Aufstieg auf sich nehmen. Damit ist der Brauch weit mehr als ein Wettkampf, er ist ein jährlicher Fixpunkt im Almsommer der Region.
Ein wichtiger Schritt für die Anerkennung kam im Jahr 2010. Damals wurde das Hundstoaranggeln in das nationale Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen, das von der Österreichischen UNESCO-Kommission geführt wird. In vielen populären Darstellungen liest man verkürzt, der Brauch sei „UNESCO-Weltkulturerbe“ oder „immaterielles Kulturerbe der UNESCO“. Genau genommen handelt es sich um den Eintrag im österreichischen Verzeichnis und nicht um die internationale Repräsentative Liste der UNESCO. Diese Unterscheidung ist fein, aber sie ist korrekt, und wer den Brauch beschreibt, sollte sie kennen.
Das Ranggeln am Jakobstag zeigt, wie aus einem einfachen Kräftemessen unter Almleuten ein lebendiger Brauch mit klaren Regeln, eigenem Wortschatz und großer Anziehungskraft werden kann. Wer einmal miterlebt hat, wie sich zwei Ranggler auf über zweitausend Metern gegenüberstehen, während im Hintergrund die Goaßl knallt, versteht schnell, warum dieser Berg als Wiege des Salzburger Ranggelns gilt. Es ist Sport, Tradition und Bergfest in einem, getragen von Menschen, die ihr Handwerk und ihre Herkunft ernst nehmen.