
Fruchtbarkeitsbräuche | Dankbarkeitsbräuche
Prangtag, Prangstangen
von Clemens Gull
Wenn im Salzburger Pongau und Lungau meterhohe, dicht mit Blüten umwundene Holzstangen durch die Dörfer und in die Kirchen getragen werden, steckt darin schon der Name des Brauchs: Prangen bedeutete im Mittelhochdeutschen ursprünglich „prahlen“ oder „sich brüsten“ und wandelte sich erst später zur heutigen Bedeutung von „in Glanz und Pracht erscheinen“. Genau das tun die Prangstangen bis heute: Während wohlhabende städtische Zünfte im Barock aufwendig verzierte Kerzen durch die Straßen der Residenzstädte trugen, schufen Bauernfamilien im Salzburger Land ihr eigenes, aus den Mitteln der Landwirtschaft geschöpftes Gegenstück – aus Holz und Feldblumen statt aus Wachs und Gold.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Im Pongau, insbesondere im Gebiet um St. Johann, sind Prangstangen bereits seit dem 16. Jahrhundert schriftlich belegt. Ihre große Verbreitung verdanken sie vor allem der Gegenreformation: Mit aufwendigem, sinnlich beeindruckendem Brauchtum versuchte die katholische Kirche, die Bevölkerung im Land Salzburg im überwiegend katholischen Glauben zu halten beziehungsweise protestantisch gewordene Gebiete zurückzugewinnen. Den Stangen selbst wurde daneben eine ganz praktische Schutzfunktion zugeschrieben: Sie sollten Haus und Hof vor Blitzschlag bewahren.
Im Lungau erzählt die Überlieferung eine andere Ursprungsgeschichte. Demnach hätten die Bauern während einer verheerenden Heuschreckenplage – manche Quellen datieren sie auf das Jahr 1340, der Volkskundler Bertl Göttl bringt sie eher mit einer Plage gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Verbindung – ein Gelübde abgelegt: Nur die Margerite, im Lungau auch „Sonnwendla“ genannt, blieb von den Heuschrecken verschont. Aus Dankbarkeit gelobten die Bauern, ihr fortan alljährlich eine eigene Blütenstange zu widmen. Wurzeln reichen darüber hinaus wohl noch weiter zurück, bis zu mittelalterlichen katholischen Prozessionen, die biblische Figuren mitführten – ein theatralischer Brauch, der erst Ende des 18. Jahrhunderts abgeschafft und in seine weltlichen und kirchlichen Bestandteile aufgeteilt wurde. Über Salzburger Holzknechte gelangte die Tradition im 17. Jahrhundert schließlich sogar bis ins niederösterreichische Rohr im Gebirge, wo sie bis heute gepflegt wird.
Herstellung
Für eine Prangstange wird zunächst ein entrindeter, gerade gewachsener Stamm ausgewählt, der je nach Ort sechs bis acht Meter hoch aufragt. Um diesen Kern winden Helferinnen und Helfer spiralförmig Girlanden aus frisch gepflückten Wiesen- und Almblumen: Margeriten, Enzian, Pfingstrosen, Frauenmantel, Vergissmeinnicht und Klatschmohn gehören zu den gebräuchlichsten Blüten. Je nach Größe und Region werden für eine einzige Stange bis zu 40.000, nach manchen Angaben sogar bis zu 60.000 Blüten benötigt – gesammelt in den Wochen vor dem jeweiligen Festtag und zu einem fertigen Gebinde verarbeitet, das mehrere hundert Arbeitsstunden verschlingt und am Ende bis zu 80, in besonders reich verzierten Fällen sogar bis zu 100 Kilogramm wiegt.
Ablauf und Termine
Getragen werden die fertigen Prangstangen traditionell von unverheirateten Burschen, meist zu zweit oder zu dritt je Stange, in einer feierlichen, oft rund zwei Stunden dauernden Prozession durch den Ort und schließlich in die Kirche. Je nach Gemeinde ist der Anlass ein anderer:
- Fronleichnam – unter anderem in Bischofshofen, Hüttau, Pfarrwerfen, Werfenweng und Mühlbach am Hochkönig (Pongau)
- Johannistag, 24. Juni – in Zederhaus (Lungau)
- Peter und Paul, 29. Juni – in Muhr (Lungau)
- Herz-Jesu-Sonntag (erster Sonntag im Juli) – in Werfenweng
In der Kirche bleiben die Stangen anschließend als sichtbares Zeichen des Lebens stehen – bis zum 15. August, dem Fest Mariä Himmelfahrt.
Bedeutung heute
Zu Mariä Himmelfahrt werden die Prangstangen im Rahmen der Kräuterweihe schließlich abgeschmückt: Die getrockneten Blüten gelten fortan als geweihtes Kräuterwerk und finden in den Rauhnächten und zu Dreikönig als Räucherwerk beim Rauchengehen Verwendung – der sommerliche Blütenschmuck begleitet die Bauernhöfe damit symbolisch bis tief in den Winter hinein. Auch wenn die ursprünglichen Beweggründe – Schutz vor Blitzschlag, Abwehr von Plagen, konfessionelle Werbung – heute kaum noch im Vordergrund stehen, bleibt der immense gemeinschaftliche Arbeitsaufwand rund um Ernte, Bindung und Prozession ein lebendiges Zeugnis dörflicher Zusammenarbeit und ländlicher Frömmigkeit im Salzburger Land.