
Dankbarkeitsbräuche | Osterbräuche
Fleischweihe
von Clemens Gull
Am Karsamstag oder in der Osternacht tragen viele Familien im Alpenraum einen gedeckten Korb zur Kirche, den Weihkorb. Darin liegt, sorgfältig geschichtet und oft mit einer bestickten Weihkorbdecke zugedeckt, was am Ostersonntag auf den Tisch kommen soll: Osterschinken oder anderes gepökeltes Fleisch, Kren, Osterbrot oder -striezel, gefärbte Eier und feines Backwerk. Der Priester segnet diese Gaben, und der Brauch trägt je nach Region unterschiedliche Namen – Fleischweihe, Speisenweihe oder Speisensegnung meinen dasselbe.
Woher der Brauch kommt
Die Wurzeln der Speisensegnung reichen bis in die älteste christliche Tradition zurück. Sie steht am Ende der vierzigtägigen Fastenzeit, in der auf Fleisch und andere üppige Speisen verzichtet wurde, und markiert damit sinnbildlich das Ende von Buße und Verzicht. Was gesegnet in den Korb kommt, hat dabei eine feste Bedeutung: Das Brot steht für Christus selbst und für die Gemeinschaft am Tisch, das Lamm für die Erlösung, die gefärbten Eier für den Neubeginn und das neue Leben, und der scharfe Kren erinnert an die Bitterkeit, die dem Osterfest vorausging. So verbindet die geweihte Osterjause den Altar mit dem heimischen Esstisch – was in der Kirche gesegnet wurde, landet wenig später als festliches Frühstück oder Mittagessen in der Familie.
Regionale Unterschiede
Der genaue Zeitpunkt der Weihe schwankt: Manche Pfarren segnen die Körbe schon am Karsamstag, andere im Anschluss an die Feier der Osternacht, wieder andere erst nach dem Gottesdienst am Ostersonntag selbst. Auch die Verbreitung ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Besonders fest verankert ist die Fleischweihe in der Steiermark und in Kärnten, wo der Brauch bis heute vielerorts fixer Bestandteil des Osterwochenendes ist. Je weiter man nach Norden kommt, desto seltener wird er, in Salzburg etwa ist die Fleischweihe kaum verbreitet – hier stehen andere österliche Bräuche wie das Palmbuschenweihen oder das Eierpecken stärker im Vordergrund.
Wo der Brauch gepflegt wird, bleibt er ein anschauliches Stück gelebter Frömmigkeit: Die Osterspeisen werden nicht einfach gegessen, sondern zuvor bewusst gesegnet, und der festlich gedeckte Ostertisch trägt damit ein Stück Gottesdienst mit sich nach Hause.


