
Fruchtbarkeitsbräuche | Osterbräuche
Eierpecken
von Clemens Gull
Zwei hartgekochte, bunt gefärbte Eier, eine Spitze gegen die andere, ein kurzer, fester Stoß – und schon steht fest, wessen Ei diese Ostern noch ein zweites Mal hält. Eierpecken ist der kleine, lautstarke Wettkampf, der zum österlichen Frühstückstisch gehört wie das Palmbuschenweihen zum Palmsonntag: Jeder tritt mit seinem Ei gegen den Tischnachbarn an, wessen Schale zuerst zerbricht, hat verloren und muss sein Ei abgeben.
Regeln und Dialektbezeichnungen
Die Grundregel ist denkbar einfach und im ganzen Alpenraum ähnlich: Zwei Spielerinnen oder Spieler halten je ein gekochtes Ei in der Faust, meist nur die Spitze frei, und schlagen die beiden Enden gegeneinander. Wessen Schale intakt bleibt, gewinnt die Runde und darf mit demselben Ei gegen die oder den Nächsten antreten, das kaputte Ei wandert an die Siegerin oder den Sieger. In Bayern kennt man den Brauch als Oarpecken oder Oarhiartn, in der nördlichen Oberpfalz auch als Oiastoußn oder Oiaboxn, in Österreich hat sich daneben die Bezeichnung Oarpecken eingebürgert. So verschieden die Namen, so gleich bleibt das Prinzip: Wer am Ende noch ein heiles Ei in der Hand hält, hat das Recht auf den letzten Lacher.
Herkunft aus der Fastenzeit
Dass ausgerechnet zu Ostern derart viele Eier zur Verfügung standen, hat einen nüchternen Grund. Im Mittelalter war der Genuss tierischer Produkte während der vierzigtägigen Fastenzeit streng verboten, auch Eier durften nicht gegessen werden. Die Hennen legten in dieser Zeit aber weiter, und so sammelten sich bis Ostern beträchtliche Mengen an, die man zum Haltbarmachen kochte. Nach dem Fastenbrechen an Ostern waren diese gekochten Eier plötzlich in Hülle und Fülle vorhanden, gefärbt wurden sie ohnehin schon lange, um sie von rohen Eiern zu unterscheiden – aus diesem Überschuss heraus entwickelte sich das spielerische Aneinanderschlagen fast von selbst.
Älter als diese praktische Erklärung sind symbolische Deutungen, wonach das Ei im vorchristlichen Brauchtum als Zeichen von Fruchtbarkeit und neuem Leben galt und dem heraufziehenden Frühling gewidmet wurde. Wie genau sich diese älteren Vorstellungen mit dem christlichen Osterfest und dem konkreten Spiel des Eierpeckens verbunden haben, lässt sich im Detail nicht eindeutig belegen, gesichert ist aber, dass beide Deutungsstränge – das praktische Verwerten der Fastenzeit-Eier und die ältere Symbolik von Ei und Frühling – bis heute nebeneinanderstehen.
Eierpecken in Salzburg
In Salzburg zählt das Eierpecken neben dem Bemalen der Ostereier, der Palmweihe und dem Verstecken des Osternestes zu den lebendigsten Osterbräuchen. Ausgetragen wird es meist im Familienkreis am Ostersonntag oder Ostermontag, oft direkt am Frühstückstisch, manchmal auch als eigener kleiner Wettbewerb mit mehreren Runden. Wer am Ende die meisten Eier gewonnen hat, darf sich bis zum nächsten Jahr als inoffizieller Hausmeister im Eierpecken fühlen – ein kleiner, aber fester Programmpunkt im großen österlichen Brauchtumsreigen.



