Almauftrieb, Almabtrieb
Dankbarkeitsbräuche | Traditionen

Almabtrieb

von Clemens Gull

Als Almabtrieb bezeichnet man im Alpenraum den Viehtrieb von den Bergweiden zurück ins Tal, wo die Tiere auf den Bauernhöfen überwintern. Je nach Region und Klima findet er zwischen Mitte September und Mitte Oktober statt. Der Brauch trägt dabei viele Namen: In der Schweiz spricht man vom Alpabzug, im Allgäu vom Viehscheid, in Südtirol auch vom Kiekemma (eine Dialektausdruck für Kühe = Kie und kommen = kemma). Der Name „Viehscheid“ erklärt sich dabei besonders anschaulich: Das Vieh wird von den Hirten, die sich den Sommer über auf den Almen um die Herden gekümmert haben, im Tal nach dem Abtrieb „geschieden“, also geteilt und seinen Besitzern zurückgegeben.

Der praktische Hintergrund ist simpel: Ab September wachsen Gras und Kräuter auf den Almen nicht mehr nach, und die Tiere finden nicht mehr genug Nahrung. Auch ist zu dieser Zeit bereits die Möglichkeit von Schneefall auf höher gelegenen Almen vorhanden. Aus dieser landwirtschaftlichen Notwendigkeit ist über die Jahrhunderte ein Fest geworden.

Herkunft

Die Wurzeln des Almabtriebs reichen bis in die Jungsteinzeit zurück. Die steilen Hänge, die kurze Vegetationsperiode und die langen Schneedecken zwangen die alpine Landwirtschaft schon früh zu einer saisonalen Nutzung der Höhenweiden.

Die festliche Ausgestaltung des Brauchs, also das Schmücken der Tiere, ist hingegen jünger. Belege für die ersten geschmückten Almabtriebe stammen aus dem Jahr 1746, als im Pustertal berichtet wurde, dass Tiere geschmückt und feierlich von den Almen in die Dörfer getrieben wurden. Volkskundlerin Anna Horner vom Tiroler Volkskunstmuseum weist aber darauf hin, dass der gemeinsame Abtrieb des Viehs wohl auch schon früher stattgefunden hat.

Der Tiroler Maler Jakob Placidus Altmutter hielt 1812 eine Almabtriebsszene als getönte Federzeichnung fest, die sich heute im Besitz des Landesmuseums Ferdinandeum befindet. Auch Autoren wie Beda Weber, Ludwig Steub oder Adolf Pichler beschrieben das jährliche Ereignis.

Kranz, Glocken und die Kranzkuh

Der Kopfschmuck der Tiere ist wohl das auffälligste Element des Almabtriebs. Aber nicht jedes Jahr darf jede Herde ihn tragen. Nur wenn der Almsommer für Mensch und Tier ohne tödliche Unfälle verlaufen ist, werden die Herden in vielen Gegenden für den Abtrieb kunstvoll geschmückt. Gab es Verluste durch Krankheit, Steinschlag oder Unwetter, zieht die Herde ungeschmückt ins Tal. Der Kranz ist also kein bloßes Dekorationselement, sondern ein sichtbares Zeichen: Der Sommer ist gut verlaufen, Gott sei Dank.

Die wichtigste Figur im Zug ist die sogenannte Kranzkuh. Sie erhält einen ungewöhnlich großen Kopfschmuck, der aufwändig aus Zweigen, Blumen, Gräsern und Bändern in Form einer Krone geflochten wird. Meist zeigt der Kranz ein Kreuz, womit um den Schutz des Himmels gefleht wird, sowie Spiegel und Glocken. Nach überlieferter Deutung sollen Glocke und Spiegel Unheil und böse Geister abwehren.

Für den Kopfschmuck werden traditionell Almrausch oder Latschen verwendet, sowie Silberdistel und Seidenblumen. Das Schmücken hatte auch eine soziale Dimension: Je wohlhabender der Bauer war, desto prächtiger waren seine Tiere geschmückt. Der Almabtrieb war auch eine Prestigesache.

Regionale Unterschiede

Der Brauch ist im gesamten Alpenraum lebendig, aber nirgends gleich. Mal werden neben den Kühen auch Schafe oder Ziegen zur Überwinterung ins Tal getrieben, und in Tirol und Pinzgau treibt man sogar die blonden Haflinger-Pferde ins Tal. Einer der größten Schaf-Almabtriebe ist der Tarrenzer Schafschied bei Imst in Tirol, bei dem rund 1.000 Schafe und ihre Lämmer von den Almwiesen ins Tal kommen.

Im Berchtesgadener Land heißen die schmückenden Gestänge „Fuikeln“ (kugelförmige Kronen), ein Beispiel dafür, wie tief der Brauch regional verwurzelt ist und eigene Begriffe hervorgebracht hat.

Auch beim Glockenklang kennen Kenner den Unterschied: Schellen werden aus Blech geschmiedet, ausgehämmert und gestanzt, während Glocken rund gegossen werden und heller klingen, fast wie Kirchenglocken. Schellen sind für das Jungvieh, Glocken für die Kühe.

Bedeutung heute

Die Frage, ob der ursprüngliche Tierschmuck ein vorchristlicher Schutzzauber gewesen sei, wird in der Wissenschaft heute differenzierter betrachtet. Die Tatsache, dass in vielen Orten nur ausgewählte Tiere geschmückt wurden und beim Auftreten von Verlusten gänzlich ungeschmückt heimgefahren wurde, spricht eher gegen eine apotropäische Deutung (abwehren von Unglück, Dämonen) im engeren Sinne.

Was bleibt, ist ein Brauch, der vieles auf einmal ist: Dankbarkeit für einen guten Sommer, Abschluss einer harten Arbeitssaison, soziales Ereignis und bäuerliches Fest. In Tirol allein finden am Ende der Almsaison über 40 größere und zahlreiche kleinere Almabtriebe statt. Die Veranstaltungen ziehen heute Tausende Besucher an. Einheimische und Touristen stehen gemeinsam am Straßenrand.

Dass dabei auch der Tourismusdruck steigt und manche Orte den Brauch stärker für das Publikum inszenieren als andere, ist eine Spannung, die im Alpenraum offen diskutiert wird. Aber selbst wo das Festzelt nebenan aufgebaut ist: Die Kühe mit ihren schweren Glocken ziehen ins Tal, und das Brauchtum lebt.