
Gesundheitsbräuche
Frauendreißiger
von Clemens Gull
Zwischen zwei großen Marienfesten liegt eine Zeitspanne, der die Menschen im Alpenraum seit Jahrhunderten besondere Kraft nachsagen: der Frauendreißiger. Er beginnt am 15. August – dem Fest Mariä Himmelfahrt, auch „Großer Frauentag“ genannt – und läuft rund dreißig Tage, bis zum Fest Mariä Geburt am 8. September, dem „Kleinen Frauentag“. Weil zwischen den beiden Terminen tatsächlich nur 24 Tage liegen, wird die Zählung vielerorts noch bis zum 15. September verlängert, dem Gedenktag der Schmerzen Mariens – so kommen die vollen dreißig Tage zusammen.
Woher der Name kommt
Der Name hat nichts mit einer bestimmten Pflanze zu tun, sondern rührt schlicht vom Kirchenkalender her: Gleich drei Marienfeste rahmen die Zeitspanne ein und geben ihr die „Frauen“ im Namen – „Frau“ war im Volksmund die gängige Anrede für Maria, wie sie sich bis heute in Bezeichnungen wie „Frauentag“ oder „Frauenschuh“ erhalten hat. Der Brauch selbst reicht deutlich weiter zurück als das Marienfest: Die Praxis, in diesen Wochen Heilkräuter zu sammeln, geht vermutlich auf vorchristliche Beobachtungen zurück, wonach Pflanzen um diese Jahreszeit ihre größte Heilkraft entfalten – die Kirche hat diese Erfahrung später in ihren Festkalender eingebettet.
Die Kräuterzeit schlechthin
Kernstück des Frauendreißigers ist die Zeit des Kräutersammelns, die mit der Kräuterweihe am Vorabend von Mariä Himmelfahrt beginnt. Was in dieser Phase wächst, gilt als besonders wirksam – Bäuerinnen und Kräuterfrauen sammelten und banden in dieser Zeit ihre Sträuße, oft aus sieben, neun oder einer anderen symbolisch aufgeladenen Anzahl an Pflanzen. Typisch für den Frauendreißiger waren dabei gerade jene Kräuter, die traditionell mit der Frauenheilkunde verbunden wurden: Johanniskraut, Beifuß, Königskerze, Schafgarbe oder Wermut. Ursprünglich wurden die Sträuße vielerorts erst am 8. September, zum kleinen Frauentag, geweiht – dieser Tag markierte bis ins 19. Jahrhundert in manchen Gegenden das eigentliche Ende der Sammelzeit, ehe sich der 15. August als Haupttermin durchsetzte.
Eine Zeit zwischen den Welten
Volksglauben und Kirchenjahr laufen im Frauendreißiger eng nebeneinander her. Ähnlich wie den Rauhnächten oder der Walpurgisnacht wurde auch dieser Wochen eine gewisse Schwellenkraft zugeschrieben: Zauber- und Heilhandlungen, die in dieser Zeit vorgenommen wurden, sollten besonders wirksam ausfallen. Daneben ranken sich kuriose Alltagsregeln um die Wochen: Im Ostallgäu etwa hielt sich der Glaube, dass Eier, die im Frauendreißiger gelegt wurden, den ganzen Winter über ohne besondere Vorkehrung haltbar blieben, und dass Küken, die in dieser Zeit schlüpften, schon zu Weihnachten die ersten Eier legen würden. Eine Umfrage aus dem frühen 20. Jahrhundert dokumentiert sogar den – aus heutiger Sicht befremdlichen – Brauch, gegen Zahnschmerzen einen Mäusekopf abzubeißen und bei sich zu tragen, sofern dies im Frauendreißiger geschah.
Regionale Verankerung
Besonders lebendig ist der Frauendreißiger im bayerisch-tirolerischen Alpenraum geblieben, wo er als „besondere Gnadenzeit“ der Marienverehrung gilt. Dazu zählen abendliche Andachten, Wallfahrten zu Marienheiligtümern sowie regionale Prozessionen, etwa ins Karwendel oder zu Wallfahrtskirchen im süddeutschen Raum. Die bayerische Schriftstellerin Lena Christ hat die mit dem Frauendreißiger verbundenen Bräuche 1916 in ihrem Roman „Die Rumplhanni“ literarisch festgehalten – ein Hinweis darauf, wie fest die Zeitspanne noch vor gut hundert Jahren im bäuerlichen Alltag verankert war.
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2025, Tristach Clemens Gull (Brigitte Joast)



