
Gesundheitsbräuche
Kräuterweihe
von Clemens Gull
Am 15. August, dem Hochfest Mariä Himmelfahrt, lassen viele Gläubige in Österreich und Bayern einen Strauß aus Heilkräutern segnen – die Kräuterweihe, einen der ältesten noch lebendigen Bräuche des Kirchenjahres. Regional trägt der Tag auch Namen wie Großer Frauentag, Maria Kräuterweih oder Maria Wurzweih. In Österreich, im Saarland und in einigen bayerischen Gemeinden ist der 15. August zudem ein gesetzlicher Feiertag.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Das Marienfest selbst zählt zu den ältesten Festen des Kirchenjahres und wurde im griechischsprachigen Raum bereits im 6. Jahrhundert begangen. Erst im 9. Jahrhundert verband sich die kirchliche Feier mit einem deutlich älteren, vorchristlichen Ritual: dem Segnen von Kräuterbündeln zur Zeit der Spätsommerernte, wie es in den gerade missionierten germanischen Gebieten bereits verbreitet war. Für die ländliche Bevölkerung stand dieses Weiheritual über Jahrhunderte hinweg mindestens gleichrangig neben der theologischen Bedeutung des Tages, der Aufnahme Mariens in den Himmel.
Getragen wird der christliche Rahmen der Kräuterweihe von einer Legende: Als die Apostel nach Marias Tod ihr Grab öffneten, sollen sie darin keinen Leichnam, sondern Blumen und duftende Kräuter vorgefunden haben. Diese Erzählung lieferte die religiöse Begründung dafür, ausgerechnet an diesem Tag Pflanzen zu weihen – auch wenn die Wurzeln des Brauchs selbst, wie die Verbindung zur vorchristlichen Erntedank-Zeit zeigt, älter sind als die Legende.
Der Kräuterbuschen und seine Zahlensymbolik
Kernstück des Brauchs ist der Kräuterbuschen, auch Würzbüschel genannt: ein Strauß aus Heilkräutern, Getreideähren und Blüten, dessen Zusammensetzung von Region zu Region variiert. Die Anzahl der verwendeten Pflanzen folgt dabei fast immer einer symbolischen Zahl:
- Sieben Kräuter für die Schöpfungstage oder die Wochentage.
- Neun, als dreifache Drei, verstärkt den Bezug zur Heiligen Dreifaltigkeit.
- Zwölf steht für die Apostel, vierundzwanzig verdoppelt diese Zahl um die zwölf Stämme Israels.
- Zweiundsiebzig, das Sechsfache von zwölf, wird mit der im Lukasevangelium genannten Zahl der von Jesus ausgesandten Jünger in Verbindung gebracht.
- Manche Regionen kennen auch Sträuße aus 99 verschiedenen Pflanzen.
In der Mitte des Straußes steht traditionell die Königskerze als Sinnbild Mariens. Um sie herum finden sich je nach Gegend Johanniskraut, Beifuß, Schafgarbe, Kamille, Thymian, Lavendel, Rosmarin, Baldrian, Eisenkraut oder Wermut. Manchen dieser Pflanzen schrieb man ganz praktische Wirkungen zu: Beifuß und Lavendel sollten Ungeziefer fernhalten, Rosmarin einen ruhigen Schlaf fördern, mitgebundene Getreideähren erinnerten an das tägliche Brot.
Weihe und Frauendreißiger
Gebunden werden die Kräuterbuschen häufig gemeinschaftlich, bevor sie im Gottesdienst oder im Anschluss daran vom Priester gesegnet werden. Damit werden sie zu einem sogenannten Sakramentale – einem gesegneten Gegenstand, dem religiöse Schutzwirkung zugeschrieben wird, ohne den Rang eines Sakraments zu haben.
An Mariä Himmelfahrt beginnt zudem der sogenannte Frauendreißiger, ein dreißigtägiger Zeitraum bis etwa zum 15. September, in dem Kräuter dem Volksglauben nach besonders wirkkräftig sein sollen. Manche volkskundliche Deutungen bringen diese Zeit auch mit vorchristlichen Vorstellungen einer Schutzpatronin der Frauen und Heilpflanzen in Verbindung – eine volkstümliche Interpretation, keine gesicherte historische Herleitung.
Verwendung der geweihten Kräuter im Jahreslauf
Nach der Weihe finden die Kräuterbuschen meist ihren Platz im Herrgottswinkel des Hauses, wo sie das ganze folgende Jahr über aufbewahrt werden. Von dort holt man sie bei Bedarf: als Tee bei Krankheit, zum Räuchern etwa in den Rauhnächten um Weihnachten, als Beimischung zum Futter der Stalltiere oder, bei aufziehendem Gewitter, um einzelne Zweige ins Herdfeuer zu werfen und so Haus und Hof vor Blitzschlag zu schützen.
Bedeutung heute
Kirchlich betrachtet, ist die Kräuterweihe heute vor allem ein Zeichen der Ehrfurcht vor der Schöpfung: Die Heilkraft der Pflanzen gilt als sichtbares Symbol göttlicher Fürsorge für die Menschen. Im gelebten Volksglauben schwingt daneben bis heute die ältere Vorstellung einer schützenden, beinahe magischen Kraft der geweihten Kräuter mit – beide Deutungen bestehen nebeneinander, ohne dass sie sich gegenseitig ausschließen.
Gerade in ländlichen Gemeinden Bayerns und Österreichs ist das gemeinsame Sammeln und Binden der Kräuter bis heute ein sozialer Termin im Spätsommer – ein Anlass, bei dem sich Nachbarschaft und Pfarrgemeinde treffen, bevor der Herbst beginnt.