Apfelorakel
Liebesbräuche

Apfelorakel

von Clemens Gull

Das Apfelorakel war eines der beliebtesten Liebesorakel der Andreasnacht – und eine der ältesten Verbindungen zwischen einer schlichten Frucht und der Sehnsucht nach dem, was noch kommen mag.

Das Apfelorakel ist ein Heirats- und Liebesorakel, das in der Andreasnacht (Nacht auf den 30. November) praktiziert wurde. Es gibt davon mehrere Varianten – gemeinsam ist ihnen der Apfel als Mittler zwischen dem Mädchen und seinem unbekannten Zukünftigen.

Wer Genaueres über seinen künftigen Partner erfahren wollte, versuchte es mit dem weit verbreiteten Apfelorakel: Hierzu wurde ein Apfel so geschält, dass die Schale ein unzerschnittenes, langes Band bildete. Dieses wurde anschließend nach hinten über die linke Schulter geworfen. Aus der Lage der Apfelschale konnte dann mit etwas Phantasie der Anfangsbuchstabe des Zukünftigen erahnt werden.

Das Entscheidende lag im Werfen – und im Deuten. Die Schale durfte dabei nicht reißen. Die Schale wirft das Mädchen mit der rechten Hand über die linke Schulter rückwärts über den Kopf: Es ersieht dann aus der Figur der Schale den Anfangsbuchstaben des künftigen Geliebten.

Die Varianten des Apfelorakels

Das Apfelorakel war kein einheitlicher Brauch – es gab davon mehrere Spielformen, die je nach Region und Gelegenheit unterschiedlich praktiziert wurden.

  • Die Apfelschale
    Die weitaus bekannteste Form, wie oben beschrieben: Schälen, werfen, deuten.
  • Die Apfelhälfte unter dem Kopfkissen
    Ein Mädchen erbat sich in der Andreasnacht von einer Witwe einen Apfel, teilte ihn schweigend in zwei Hälften, aß die eine davon und legte die andere unter das Kopfkissen, um den Zukünftigen im Traum zu sehen.
  • Drei Namen auf drei Äpfeln
    Kannte eine Frau drei Heiratskandidaten und konnte sich nicht für einen entscheiden, schrieb sie in der Andreasnacht die drei Namen getrennt auf drei Äpfel und legte die Früchte unters Kopfkissen. Von welchem sie dann träumte – der war der Richtige.
  • Apfelkerne ins Feuer
    Während ein Mädchen den Namen des Angebeteten murmelte, warf sie Apfelkerne ins Feuer. Platzten in der Hitze die Kerne hörbar, durfte sie auf Gegenliebe hoffen – verbrannten diese ohne Geräusch, konnte sie sicher sein, dass ihr die kalte Schulter gezeigt wurde.

Warum ausgerechnet der Apfel?

Der Apfel ist keine zufällig gewählte Frucht. Er ist eine der symbolisch aufgeladensten Früchte des europäischen Kulturraums überhaupt.

Als Sinnbild der Fruchtbarkeit und Liebe galt der Apfel im Altertum – und ebenso als verbotene Frucht im Paradies, damit als Symbol der Erbsünde und der Sinneslust. Dass ausgerechnet die Frucht, mit der Liebe, Verführung und Lebenskraft verbunden wurden, im Liebesorakel zum Einsatz kam, ist kein Zufall.

Wilde beziehungsweise verwilderte Apfelbäume waren schon zu Tacitus‘ Zeiten in Germanien einheimisch. Um den Apfelbaum haben sich heidnische Gebräuche früh gewoben, und auch die hohe Bedeutung des Apfels in der germanischen Mythologie bestätigt das.

Da das Teilen eines Apfels als Zeichen der Liebe gilt, teilt das ledige Mädchen einen Apfel, den sie sich von einer Witwe erbettelt hat. Das Teilen eines Apfels mit jemandem war also – lange vor dem Orakel – schon selbst eine Geste der Zuneigung. Das Orakel machte daraus ein Ritual.

In der Andreasnacht – und darüber hinaus

Das Apfelorakel war kein reiner Andreastags-Brauch. Die Schale konnte das Mädchen an dem Andreas-, Christ– oder Sylvesterabend abschälen – das Orakel funktionierte an all diesen Lostagen (Losnächten). Der Andreastag war jedoch der bevorzugte Termin, da er als erste große Losnacht des Jahres galt und damit besondere Weissagungskraft zugeschrieben bekam.

Bedeutung heute

Das Apfelorakel ist heute kaum noch lebendig – jedenfalls nicht als ernsthaft gemeintes Brauchtum. Als Spielform zu Silvester oder in pädagogischen Brauchtumsprojekten taucht die Apfelschalen-Variante gelegentlich noch auf.

Was bleibt, ist die Geschichte hinter dem Brauch: die Frage junger Frauen nach ihrer Zukunft, der Versuch, etwas Ungewisses in eine Form zu bringen – und sei es eine zufällig gefallene Apfelschale. Darin liegt eine tiefe, sehr menschliche Logik. Man weiß, dass der Buchstabe Zufall ist. Aber man schaut trotzdem hin.