
Almrausch
von Clemens Gull
Wer einmal im Frühsommer durch die Ostalpen gewandert ist, kennt diesen Anblick: Hänge und Felsgesimse, die in einem tiefen Purpur-Rosa leuchten, als hätte jemand ganze Bergflanken mit Farbe übergossen. Das ist der Almrausch, die Alpenrose der Alpen. Kaum eine andere Wildpflanze des Alpenraums ist so sehr mit Gefühl und Symbolik aufgeladen wie dieser unscheinbar wirkende Strauch.
Botanisch handelt es sich beim Almrausch um nicht eine, sondern zwei eng verwandte Arten aus der Gattung der Rhododendren, die zur Familie der Heidekrautgewächse gehören: die Rostbraune Alpenrose (Rhododendron ferrugineum), erkennbar an der bräunlichen Unterseite ihrer Blätter, und die Bewimperte Alpenrose (Rhododendron hirsutum), deren Blattränder mit feinen Härchen besetzt sind. Im Volksmund werden beide einfach als „Almrausch“, „Almenrausch“, „Almrose“ oder „Steinrose“ bezeichnet.
Was steckt im Namen?
Wer beim Wort „Almrausch“ an ausgelassenes Treiben und Hochprozentigem denkt, liegt zumindest teilweise auf der falschen Spur. Der Wortteil „Rausch“ hat nichts mit dem angeblich so ausgelassenen Treiben auf den sommerlichen Almen zu tun. „Rausch“ ist eine alte Bezeichnung für niedriges Gestrüpp.
Es gibt allerdings noch eine andere, volkskundlich interessante Deutung: In manchen Gebirgsgegenden glaubte man, dass die Alpenrose beim Weidevieh eine Krankheit namens „Rausch“ austreiben könne, und nannte die Pflanze deshalb „Rauschkraut“. Aus dieser Bezeichnung soll sich dann der Name „Almrausch“ als Modewort weit verbreitet haben.
Vorkommen und Erscheinungsbild
Die Alpenrose kommt in den gesamten Ostalpen vor, schwerpunktmäßig in den nördlichen und südlichen Kalkalpen, und gedeiht gut in Höhen zwischen 600 und 2.500 Metern. Sie blüht von Mai bis Juli. Dabei treten die Sträucher fast nie einzeln auf: Alpenrosen wachsen immer in großen Gruppen und besiedeln frische, stark saure, nährstoffarme Böden. Sie benötigen im Winter einen Schneeschutz, meiden windige Standorte und wachsen bevorzugt im Lärchen-Zirbenwald und Latschengebüsch sowie auf unternutzten Almweiden. Ein einzelner Strauch kann dabei erstaunlich alt werden: Bei Stämmchen mit einem Durchmesser von nur ein bis zwei Zentimetern wurde ein Alter von nahezu 100 Jahren festgestellt.
Volksglauben rund um die „Donnerrose“
So schön die Alpenrose ist, so widersprüchlich ist ihr Ruf im Volksglauben. Im Volksglauben zieht sie Blitze an, deutet auf Bodenschätze und Goldadern hin, und soll einst ein Indiz für besonderen Mut gewesen sein.
Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit der Pflanze in Gewitterzeiten. Der Volksglaube mahnt, dass man einen Zweig blühender Alpenrose besser schnell wegwirft, wenn im Gebirge ein Gewitter aufzieht, denn wer dann eine „Dunner-“ oder „Donnerrose“ bei sich trägt, läuft Gefahr, vom Blitz getroffen zu werden. Umgekehrt soll ein an den First des Bauernhauses genageltes Sträußerl dieser „Dunnerrose“ vor ebendiesem Blitzschlag schützen. Ein schöner Widerspruch, der zeigt, wie ambivalent Volksglaube oft ist: dieselbe Pflanze als Unheilsbringer und als Schutzmittel.
Als Liebesbote hatte der Almrausch ebenfalls seinen Platz: So wie das Edelweiß holten verliebte Burschen oft von hoch droben auf dem Berg einen Zweig blühende Alpenrose für ihre Angebetete. Das Pflücken setzte dabei tatsächlich eine gewisse Risikobereitschaft voraus, denn die schönsten Blüten wachsen gerne in steilem oder schwer zugänglichem Gelände.
In Tirol gibt es zudem einen sehr spezifischen lokalen Überlieferungsstrang: Bei Hafling in Tirol wird die Alpenrose „Oswaldstaude“ genannt, weil dort, wo einst unzählige Alpenrosen blühten, Hirten einst ein Bild des Heiligen Oswald gefunden haben sollen, dem man nachsagte, ein besonderer Verehrer der Almrosen gewesen zu sein.
Giftig und heilend zugleich
Der Almrausch ist kein harmloses Gewächs. Die Alpenrose enthält das Andromedotoxin (Acetylandromedol), das auch für den Menschen stark giftig ist. Symptome einer Vergiftung sind vermehrter Speichelfluss, Übelkeit, Brechreiz, Bauchschmerzen und Durchfall; bei höheren Dosen können auch Herzrhythmusstörungen und Krampfanfälle auftreten.
Für Weidetiere ist die Pflanze ebenfalls problematisch, und nicht nur als Gift: Durch ihre große Ausbreitung nimmt die Alpenrose anderen wichtigen Almfutterpflanzen den Platz weg, weshalb man sie auch als „Platzräuber“ bezeichnet und nur durch Schwenden im Zaum halten kann. Die Pflanze verschlechtert den Almboden durch Bodenversauerung und Bildung von Rohhumus. Auf Almweiden, die nicht mehr intensiv bewirtschaftet werden, breitet sie sich entsprechend schnell aus.
Dennoch wurde der Almrausch traditionell in der Volksmedizin genutzt: Die Rostblättrige Alpenrose wurde lange Zeit im Rahmen der Volksmedizin angewendet, ohne dass dadurch Vergiftungsfälle dokumentiert wären. In der Volksheilkunde fand die Alpenrose vor allem bei Gicht und Rheuma Verwendung. Heute wird sie medizinisch kaum noch direkt eingesetzt.
Mythos und Romantisierung
Der Almrausch ist längst mehr als eine Wildpflanze. Er ist zum Symbol geworden, einem Stück projizierter Bergsehnsucht. Dieser Mythos entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit einer zunehmenden Naturbegeisterung, als der Alpentourismus in der europäischen Elite beliebt wurde. Die Romantisierung der Alpen und der etwas später aufkommende Naturschutz zementierten diese Überlieferungen.
Der Schutzstatus der Pflanze variiert je nach Region: In Österreich, insbesondere in alpinen Regionen wie Tirol und Vorarlberg, sind Alpenrosen oft durch das jeweilige Landesnaturschutzgesetz geschützt, und in Schutzgebieten wie Nationalparks ist das Pflücken generell verboten. Außerhalb solcher Gebiete sollte man sich über lokale Regelungen informieren.
Bedeutung heute
Der Almrausch steht für eine bestimmte Vorstellung von intakter Bergwelt: ursprünglich, robust, unberührt. Er taucht in Volksliedern auf, ziert Postkarten und Trachtenmuster und ist aus dem kulturellen Bilderrepertoire des Alpenraums nicht wegzudenken. Gleichzeitig ist er aus Sicht der Almwirtschaft oft ein unerwünschter Ausbreiter, der Weideflächen verdrängt. Diese Spannung zwischen Romantisierung und bäuerlicher Realität macht den Almrausch zu einem interessanten Spiegel dafür, wie Natur und Kulturraum im Alpenland wahrgenommen werden, damals wie heute.