Weihnachtskrippe
Sonstige Bräuche

Adventsingen

von Clemens Gull

Das Adventsingen ist heute im gesamten Alpenraum verbreitet. Aber woher kommt es? Und was unterscheidet es eigentlich von einem Krippenspiel?

Was ist ein Adventsingen?

Ein Adventsingen ist eine musikalische Feier in der Vorweihnachtszeit, in der Regel mit Volksmusik, alpenländischem Liedgut, Texten und manchmal auch kurzen szenischen Elementen. Es findet meist in der Kirche, im Gemeindehaus oder in einem Festsaal statt, oft an einem oder mehreren Adventswochenenden.

Im Mittelpunkt steht das Singen selbst: von Ensembles, Chören, Sängerinnen und Musikanten. Die Zuhörerinnen und Zuhörer sind meistens Publikum — auch wenn es je nach Tradition Momente des gemeinsamen Singens geben kann.

Das Adventsingen ist kein Krippenspiel. Der Unterschied ist klar:

  • Das Krippenspiel ist eine gespielte Darstellung der Weihnachtsgeschichte mit verteilten Rollen, Kostümen, Dialog. Es hat Schauspielcharakter und erzählt eine Geschichte.
  • Das Adventsingen ist eine musikalische Darbietung und es kann durchaus szenische Elemente, Texte oder eine rahmende Handlung enthalten, aber das Singen und Musizieren steht im Vordergrund. Es ist kein Theaterstück.

In manchen Aufführungen. besonders beim Salzburger Adventsingen im Großen Festspielhaus, fließen szenische Elemente, Texte und Musik so eng ineinander, dass die Grenze zum oratorischen Musiktheater fließend wird. Das macht den Brauch interessant, aber auch schwerer eindeutig einzuordnen.

Die Herkunft: Salzburg, 1946

Das Salzburger Adventsingen gilt als Ursprung und Vorbild der zahlreichen Adventsingen im deutschsprachigen Raum. Es wurde 1946 von Tobi Reiser d. Ä. ins Leben gerufen. Den Beginn seiner öffentlichen Wahrnehmung markierte eine schlichte Feier im Advent 1946, die er gemeinsam mit einigen Freunden im Volksheim am Rudolfskai in Salzburg organisierte. Am bitterkalten 5. Dezember 1946, mitten in der Not und Armut der Nachkriegszeit, lud Tobi Reiser d. Ä. Freunde und Weggefährten erstmals zu einem Adventsingen. Es war eine stille, andächtige Feier mit vertrauten Liedern und Weisen, innigen Gedanken, religiöser Volksfrömmigkeit und überlieferten Bräuchen.

Zur gleichen Zeit fand in München in der damals zerstörten Universität das erste Adventsingen auf bayerischem Boden statt, ins Leben gerufen vom bayerischen Volksmusiksammler Emanuel Kiem, genannt „Kiem Pauli“.

Beide Männer, unabhängig voneinander, griffen damit eine ältere Gewohnheit auf: das gemeinschaftliche Singen in der Stube während der Adventszeit, das in bäuerlichen Haushalten schon lange vor 1946 gepflegt worden war. Was Reiser neu schuf, war das Format: eine öffentliche, kuratierte Veranstaltung mit Programm, Ensembles und Publikum.

Vom Volksheim zum Festspielhaus

Die Feierstunde wurde zur jährlichen Tradition und die Zahl der Gäste stieg von Jahr zu Jahr. Man wechselte in immer größere Räumlichkeiten, zunächst in den Kaisersaal der Residenz, dann in die Große Aula der Universität. Schließlich 1960 in das neuerbaute Große Festspielhaus, wo es bis heute aufgeführt wird. Ab 1952 trat auch der Salzburger Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl mit auf. Er las eigene Texte, darunter die Kleinen Christkindl-Geschichten. Seine heiter-besinnlichen Lesungen wurden ein prägendes Element.

Ein Hinweis zur Person Tobi Reiser

Es wäre unvollständig, Reiser nur als romantische Gründerfigur darzustellen. Historiker Oliver Rathkolb bestätigte 2016 in einem Gutachten Reisers politische Nähe zur NSDAP. Das Tobi-Reiser-Adventsingen wurde daraufhin umbenannt, eine der Nachfolge-Veranstaltungen heißt seither „Salzburger HirtenAdvent“, welches zusätzlich zum Adventsingen seit 2006 wieder in der großen Aula der Universität Salzburg stattfindet.

Dieser Umstand gehört zur Geschichte des Brauchs und sollte nicht verschwiegen werden.

Bedeutung heute

Das Salzburger Adventsingen wurde zum großen Vorbild unzähliger Adventsingen im gesamten Alpenraum. Heute gibt es das Format in unzähligen Varianten: kleine Pfarradventsingen, bei denen der Kirchenchor singt und vielleicht ein Bläserensemble spielt; größere Veranstaltungen in Gemeindehäusern; und die großen, inszenierten Festspielformate in Salzburg, Tirol oder Bayern. Allen gemeinsam ist der Gedanke: Volksmusik, Lied und Besinnlichkeit als bewusste Gegenbewegung zur kommerziellen Weihnachtsstimmung.

Das Adventsingen hat sich von einer kleinen Nachkriegs-Gedenkfeier zu einem der beliebtesten Adventsformate im deutschen Sprachraum entwickelt. Es lebt davon, dass es Menschen versammelt, nicht vor einem Bildschirm, sondern in einem Raum, mit echten Instrumenten, echten Stimmen.

Gleichzeitig ist es ein Brauch, der immer wieder neu verhandelt wird: Was gehört dazu? Wie viel Inszenierung verträgt er? Wie authentisch muss Volksmusik klingen? Diese Fragen haben keine endgültige Antwort und das macht den Brauch lebendig.

Das Adventsingen ist kein uralter Volksbrauch, der sich über Jahrhunderte entwickelt hat, sondern eine bewusste Schöpfung der Nachkriegszeit, die auf älteren Singtraditionen aufbaut. Tobi Reiser d. Ä. hat 1946 in Salzburg ein Format erfunden, das die Menschen offensichtlich gebraucht haben. Und das sie in vielen Varianten bis heute brauchen.