
Sonstige Bräuche
Fahnenweihe
von Clemens Gull
Wenn ein Schützen-, Trachten- oder Musikverein eine neue Fahne anschafft oder ein historisches Tuch restaurieren lässt, wird dieses Ereignis traditionell mit einer Fahnenweihe gefeiert. Der Brauch ist vor allem in katholisch geprägten Landstrichen Bayerns, Österreichs und Tirols verbreitet und wird von Schützen- und Kriegervereinen, Trachten- und Brauchtumsvereinen, freiwilligen Feuerwehren sowie kirchlichen Studentenverbindungen gleichermaßen gepflegt. Im Zentrum steht dabei stets derselbe Gedanke: Die Fahne als sichtbares Zeichen der Gemeinschaft wird kirchlich gesegnet und damit unter göttlichen Schutz gestellt.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Seinen Ursprung hat dieser Brauch im militärischen Bereich. Bereits aus dem 10. Jahrhundert sind erste Berichte über gesegnete Feldzeichen überliefert, denn die Fahne war für Truppen im unübersichtlichen Schlachtgetümmel ein unverzichtbarer Orientierungspunkt. Mit der Zeit der Kreuzzüge verbreitete sich die Sitte, Fahnen kirchlich zu weihen, in ganz Mittel- und Westeuropa – zunächst beim Militär, später übernahmen auch zivile Vereinigungen dieses Ritual, sodass aus dem soldatischen Segensakt allmählich ein bürgerliches Vereinsfest wurde.
Fahnenpatin, Patenverein und Weiheakt
Eine besondere Rolle nimmt bis heute die Fahnenpatin/Fahnenmutter ein, eine Ehrenfunktion, die früher meist einer Dame aus gehobenen gesellschaftlichen Kreisen vorbehalten war. Sie übernahm die symbolische Patenschaft für die Fahne und stiftete häufig ein besticktes Fahnenband mit einem persönlichen Wahlspruch – überliefert ist etwa das Jahr 1873, als Erzherzogin Valerie einem böhmischen Schützenkorps ein Band mit der Inschrift „Altbewährt und treu“ schenkte. Ergänzt wird die Fahnenpatin vielerorts durch einen befreundeten Patenverein, der wie ein Taufpate Verantwortung für die junge Fahne übernimmt. Beim sogenannten Patenbitten, das diesem Fest vorausgeht, muss der bittende Verein mancherorts symbolische Proben bestehen, etwa Reime vortragen oder kleine Aufgaben erfüllen, ehe die Patenschaft zugesagt wird.
Der eigentliche Weiheakt lehnt sich in seiner Symbolik stark an die christliche Taufe an. Das noch ungeweihte Fahnentuch wird von jungen Frauen zum Altar getragen, wo ein Priester es im Rahmen eines Gottesdienstes oder einer Feldmesse mit Weihwasser besprengt. Anschließend treten mehrere weibliche Rollen nacheinander auf: Die Fahnenmutter spricht ein einleitendes Wort und befestigt als Erste ein Band an der Fahne, die Fahnenbraut folgt mit einem weißen Band und gelobt der Fahne Treue, und die Trauermutter übergibt zuletzt ein schwarzes Trauerband zum Gedenken an verstorbene Vereinsmitglieder.
Fähnrich und Fahnenetikette
Auch der weitere Umgang mit der geweihten Fahne folgt überlieferten Regeln, wie sie etwa der Chiemgau Alpenverband für seine Trachtenvereine festhält. Der Fähnrich, ein Ehrenamt mit eigener Schärpe und silberdurchwirkter Hutschnur, trägt die Fahne aufrecht im Tragegurt und wird von zwei unverheirateten jungen Burschen begleitet, deren einzige Aufgabe darin besteht, sie notfalls zu verteidigen. Gesenkt wird eine Fahne traditionell nur vor Gott oder vor einem Verstorbenen, und begegnen sich zwei Fahnen bei einem Fest, kreuzen sich ihre Tücher zum sogenannten Fahnenkuss als Gruß zwischen den Vereinen.
Bedeutung heute
Bis heute ist die Fahnenweihe ein Anlass, der ganze Ortschaften mobilisiert: Auf die kirchliche Segnung folgen meist ein weltliches Fest mit Musikkapelle und Festzug befreundeter Vereine, bei Schützenvereinen häufig auch ein abschließendes Schießen. So wurde etwa in Ebensee im Salzkammergut die 1910 gestiftete, aufwendig restaurierte Fahne des dortigen Kranzlschützenvereins im Rahmen einer Feldmesse neu gesegnet und von der örtlichen Musikkapelle begleitet. Solche Feste zeigen, dass die Fahnenweihe weit mehr ist als ein kirchlicher Formalakt: Sie hält die Erinnerung an die Vereinsgeschichte lebendig und bekräftigt bei jeder Auffrischung aufs Neue den Zusammenhalt der Gemeinschaft.