
Sonstige Bräuche
Bleigießen
von Clemens Gull
Beim Bleigießen wird ein kleines Stück Blei (früher) oder Wachs bzw. Zinn (heute) in einem Löffel über einer Flamme erhitzt, bis es flüssig wird. Dann schüttet man es rasch in eine Schüssel mit kaltem Wasser. Die Schmelze erstarrt in einer zufälligen Form – und genau diese Form wird gedeutet.
Ein Ring? Heirat oder Bindung. Ein Schiff? Reise oder Aufbruch. Ein Kreuz? Unglück oder Trauer. Ein Herz? Liebe. Ein runder Klumpen? Glück und Fülle.
Die Deutungen sind nicht starr festgelegt, sondern wurden und werden von Familie zu Familie, von Region zu Region etwas anders ausgelegt. Manchmal wird auch der Schatten der Form an die Wand geworfen und interpretiert, der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Herkunft
Die Wurzeln des Bleigießens reichen weit zurück. Schon in der Antike war das Gießen von Metallen in Wasser eine Form der Weissagung, die sogenannte Molybdomantie (von griechisch molybdos = Blei). Im deutschsprachigen Raum lässt sich der Brauch als Silvesterritual mindestens bis ins späte Mittelalter zurückverfolgen.
Manche Volkskundler sehen im Bleigießen eine Verbindung zu vorchristlichen Deutungspraktiken, bei denen Naturmaterialien – Wasser, Feuer, Metall – als Mittel galten, um Kräfte jenseits des Alltags zu befragen. Mit der Christianisierung wurde der Brauch nicht verboten, sondern still geduldet, weil er als harmloses Volksvergnügen galt.
Ab dem 19. Jahrhundert war das Bleigießen in weiten Teilen des deutschsprachigen Raums als Silvesterbrauch fest etabliert – in bäuerlichen Haushalten ebenso wie in städtischen Familien.
Ablauf und typische Symbole
Der Ablauf ist denkbar einfach, der Reiz liegt im Ungewissen:
- Kleines Metallstück (früher Blei, heute Wachs oder Zinn) in einen Löffel legen
- Löffel über einer Kerze erhitzen, bis das Material schmilzt
- Flüssigkeit rasch in eine Schüssel mit kaltem Wasser gießen
- Die entstandene Form aus dem Wasser heben und deuten
Manche Deutungen sind weit verbreitet, andere regional oder familiär überliefert. Einige klassische Symbolformen:
- Ring oder Kreis
Heirat, Partnerschaft, Vollendung - Herz
Liebe, Zuneigung - Schiff oder Flugzeug
Reise, Veränderung, Aufbruch - Kreuz
Unglück, Tod, schwere Zeit - Stern
Glück, Erfolg - Schlange oder Ring
Feind im Verborgenen oder ewige Wiederkehr - Kugel oder runder Klumpen
Fülle, Wohlstand - Baum
Verwurzelung, Familie, Wachstum
Viele Familien haben ihre eigenen überlieferten Deutungen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und die oft mehr über die Hoffnungen der Familie verraten als über das tatsächlich kommende Jahr.
Regionale Besonderheiten
Im bäuerlichen Voralpenland war das Bleigießen nicht nur Unterhaltung, sondern ein ernst genommener Brauch. Besonders bei unverheirateten jungen Frauen galt das Bleigießen als Möglichkeit, einen Hinweis auf den künftigen Ehemann zu erhalten, ähnlich wie das Schuhwerfen zu Weihnachten oder das Orakel mit dem Apfelschalen.
In manchen Gegenden Salzburgs und Tirols wurde das Gießen traditionell von der ältesten Frau des Hauses durchgeführt, der die meiste Erfahrung bei der Deutung zugesprochen wurde. Ob das Schmelzgut im Uhrzeigersinn oder dagegen gegossen wurde, war mancherorts ebenfalls bedeutsam.
In Bayern war das Bleigießen besonders in der Vorweihnachtszeit und zu Silvester lebendig. Historische Jahrmärkte und Christkindlmärkte boten mitunter fertige Gießsets an, ein früher Vorläufer der heutigen Supermarkt-Silvestersets.
Das Ende des Bleis und der Beginn des Wachses
Da Blei ein gesundheitsschädliches Schwermetall ist, wurde das klassische Bleigieß-Set in Deutschland 2018 verboten und vom Markt genommen. In Österreich folgte eine ähnliche Entwicklung. Seither sind Wachsgießsets oder Zinngießsets im Handel erhältlich, die Deutungspraxis ist identisch geblieben, das Handlingsmaterial harmloser.
Manche Traditionstreue bedauern den Wandel, andere begrüßen ihn. In der Praxis merkt kaum jemand einen Unterschied: Der Zauber des Moments, das Zischen beim Eintauchen, das Warten auf die Form, das gemeinsame Rätseln, bleibt derselbe.
Bedeutung heute
Das Bleigießen, oder Wachsgießen, wie es heute korrekter heißt, ist eines der wenigen Bräuche, die sich trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen hartnäckig gehalten haben. Nicht weil die Menschen tatsächlich an die Vorhersage glauben, sondern weil der Brauch etwas leistet, das in der Silvesternacht gebraucht wird: Gemeinschaft, Leichtigkeit, das spielerische Nachdenken über das Kommende.
In einer Zeit, in der der Jahreswechsel oft mit Druck, großen Vorsätzen und Überforderung verbunden ist, bietet das Gießen einen Moment der Entschleunigung. Man schaut auf eine zufällige Form im Wasser und lacht. Oder denkt kurz nach. Und das ist vielleicht genug.