Gemeindeschalzen Jänner 2024, Muntigl bei Salzburg

Goaßl, Goasl

von Clemens Gull

Die Goaßl (auch Goasl, Goassl, je nach Region und Schreibweise) ist eine kurzstielige Peitsche aus dem Alpen- und Voralpenraum. Der Name leitet sich vom bairischen Dialektwort für die Fuhrmannspeitsche ab: Goaßl bedeutet schlicht „Geißel“. Der Holzgriff ist rund, hat einen Durchmesser von etwa drei Zentimetern und eine Länge von rund 50 Zentimetern. Die eigentliche Peitschenschnur besteht aus einem mehrfach gedrehten Hanfseil, das bis zu vier Meter lang sein kann und sich zum Ende hin verjüngt.

Was die Goaßl von einer gewöhnlichen Peitsche unterscheidet, ist die Art, wie sie geführt wird: Sie wird mit beiden Händen von vorne nach hinten und von einer Seite zur anderen geschwungen, bis das Ende der Schnur Überschallgeschwindigkeit erreicht und ein ohrenbetäubender Knall entsteht. Forschungen des Ernst-Mach-Instituts aus dem Jahr 1998 haben ergeben, dass die Schlaufe am Schnurende beim Knall auf über 2.000 km/h beschleunigt wird, also auf mehr als das Doppelte der Schallgeschwindigkeit.

Herkunft und historischer Hintergrund

In früheren Jahrhunderten knallten Fuhrleute mit der Peitsche, wenn sie in Ortschaften einfuhren oder auf unübersichtliche Stellen zufuhren. Im Laufe der Zeit entwickelten sie immer spezifischere Knallfolgen, die als eine Art Erkennungszeichen dienten. Daraus entstanden bestimmte Schlagarten wie der Vorhandschlag, der Rückhandschlag und der Doppelschlag, später auch die sogenannte Triangel.

Daneben hatte die Goaßl im Alpenraum weitere praktische Verwendungen: Hirten nutzten sie beim Viehtrieb, um Tiere zu lenken. Auch als Kommunikationsmittel zwischen Almen und dem Tal kam sie zum Einsatz. In Wein- und Obstbaugebieten diente sie dazu, Vögel von den Beeren zu verscheuchen.

Wann genau die Goaßl den Weg ins Brauchtum fand, lässt sich nicht auf ein einzelnes Datum festlegen. Der früheste schriftliche Hinweis auf das Aperschnalzen, die bekannteste Brauchtumsform mit der Goaßl, stammt aus dem Jahr 1730 aus Gois im Salzburger Flachgau.

Das Aperschnalzen

Das Aperschnalzen ist eine Form des Goaßlschnalzens, die in der Weihnachts– und Faschingszeit gepflegt wird. Das Wort „aper“ bedeutet im Süddeutschen „schneefrei“ und verweist auf den Übergang vom Winter zum Frühling.

Zwischen dem Stephanitag (26. Dezember) und dem Faschingsdienstag treten dabei die sogenannten „Passen“ auf: Gruppen von jeweils neun Personen, die gemeinsam schnalzen, bis ein bestimmter rhythmischer Takt entsteht.

Woher dieser Brauch ursprünglich kommt, ist nicht eindeutig geklärt. Die geläufigste Deutung besagt, dass es um das Austreiben des Winters geht: Durch den Lärm sollen böse Mächte, Kälte und Dunkelheit vertrieben werden. Eine andere Lesart sieht darin einen Fruchtbarkeitsbrauch, bei dem die schlafende Saat durch den Lärm zum Erwachen gebracht werden soll. Eine dritte Deutung, wonach das Schnalzen ein Verständigungsmittel in der Pestzeit gewesen sei, gilt als nicht belegt.

Regionale Besonderheiten

Das Aperschnalzen ist heute besonders stark im Grenzgebiet zwischen Bayern und Salzburg, dem Rupertiwinkel, verwurzelt. Aktive Schnalzergruppen gibt es unter anderem in Laufen, Saaldorf, Tittmoning und Teisendorf auf bayerischer Seite sowie in Liefering, Maxglan, Anthering, Bergheim, Gois, Wals und Siezenheim auf Salzburger Seite.

Am bedeutendsten ist das jährliche Rupertigau-Preisschnalzen, das über 100 allgemeine Gruppen und mehr als 50 Jugendgruppen zusammenbringt und von mehreren tausend Zuschauern besucht wird. Den Siegern winkt unter anderem eine Wandergoaßl als Preis.

Das Aperschnalzen im historischen Rupertiwinkel wurde 2013 von der UNESCO als Immaterielles Kulturerbe anerkannt. Die Anerkennung gilt zunächst für die österreichischen Schnalzergruppen; die bayerischen Gruppen sind daran eng beteiligt, aber noch nicht formal einbezogen.

In Südtirol lebt die Goaßl unter dem Namen „Goaslschnöllen“ weiter. Dort treten sogenannte Gaslkrocher, Goaslschnöller und Schnalzer bei Volksfesten und Kirchtagen auf.

Bedeutung heute

Die Goaßl ist kein museales Objekt. In Bayern, Salzburg und Südtirol wird das Schnalzen aktiv geübt und weitergegeben, in Vereinen organisiert, bei Wettbewerben ausgetragen und an Jugendliche vermittelt. Der Brauch ist eng mit einer handwerklichen Tradition verbunden: Eine gute Goaßl wird noch immer von Hand geflochten, das Hanfseil mit Pech eingelassen, und der Umgang mit ihr erfordert echtes Können.

Was bleibt, ist ein Brauch, der laut ist, körperlich, und unmittelbar: ein Knall, der die Schallmauer durchbricht, und dabei eine jahrhundertealte Verbindung zwischen Mensch, Tier, Jahreszeit und Gemeinschaft aufruft.