
Sonstige Bräuche
Kirchtag, Kirchweih
von Clemens Gull
Der Begriff Kirchweih hat im Laufe der Jahrhunderte eine Fülle an regionalen Varianten entwickelt: Kirta, Kirbe, Kerb, Kerwe, Kirmes, Kertl, Kirchtag, Kirtag, Kilbi, Chilbi und noch viele mehr. Dahinter steckt ein und dasselbe Grundprinzip: Der Begriff verweist auf die Verbindung mit der Kirche und der dort gehaltenen Messe. Am Weihetag oder am Tag des Kirchenpatrons gesellte sich zur kirchlichen Feier der profane Jahrmarkt.
Es gibt dabei grundsätzlich zwei verschiedene Formen: den „Kleinen Kirchtag“, also das Patroziniumsfest des örtlichen Kirchenheiligen, und den „Großen Kirchtag“, das Fest der Kirchweihe selbst. Beide darf man nicht durcheinanderbringen.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Ursprünglich feierte jedes Dorf den Weihetag seines Gotteshauses. Für die ländliche Bevölkerung war das einer der wichtigsten Termine im Jahr: selten genug hatte man sonst die Möglichkeit, bei Musik, Tanz und gutem Essen die Mühen des Alltags hinter sich zu lassen.
Sehr früh schon verbanden sich mit den Kirchweihgottesdiensten Jahrmärkte, die man wegen ihrer Verbindung mit dem Gottesdienst „Messen“ nannte. Der norddeutsche Begriff „Kirmeß“ oder „Kirmse“ leitet sich daraus ab.
Das Problem: Weil jedes Dorf seinen eigenen Termin hatte, konnte das Feiern leicht ausufern. Die Obrigkeit führte deshalb die sogenannte Allerweltskirchweih ein, um das Herumziehen des Gesindes von Ort zu Ort einzuschränken. Den dritten Sonntag im Oktober setzte man als einheitlichen Termin fest. Seit der Aufklärung war dieses Datum in weiten Teilen Bayerns landesweit verbindlich.
Ablauf und typische Elemente
Ein Kirchtag war und ist mehr als ein Gottesdienst mit anschließendem Marktbesuch. Üppiges Essen und Trinken, Musik, Tanz, Geselligkeit und Brautschau waren für die ländlichen Kirtage charakteristisch. Organisiert wurden sie meist von den örtlichen Vereinen.
Schon am Vorabend gab es in Bayern Brühsuppe, Schweinefleisch, Würste, Bier und Krapfen. Nach der Sonntagsmesse ging es dann richtig los, und die Feier dauerte oft zwei bis drei Tage.
Ein zentrales Ereignis war dabei stets der Tanz, der gelegentlich mit Elementen spielerischer Paarbildung verbunden war. Der Kirchtag war eben auch ein sozialer Ort, an dem sich Ledige kennenlernten.
Zu den typischen Speisen gehörten Enten- oder Gänsebraten mit Knödel und Blaukraut sowie in Schmalz herausgebackenes Schmalzgebäck. In Oberbayern heißen diese Küchlein Auszogne, in Tirol Kiachl, in anderen Teilen Österreichs Bauernkrapfen.
Ein weithin sichtbares Zeichen des Festtages war die rot-weiße Fahne, die am Kirchweihsonntag von den Kirchtürmen wehte. Sie wird auch Zachäus oder Zacherl genannt, nach der Bibelstelle vom Zöllner Zachäus, der auf einen Baum gestiegen war, um Jesus zu sehen.
Der Rupertikirtag in Salzburg, der rund um den Namenstag des heiligen Rupert am 24. September gefeiert wird, zieht jährlich mehr als 100.000 Besucher an. Ein besonderes Merkmal ist das historische Kettenkarussell aus dem Jahr 1848, das nur während dieses Fests in Betrieb geht.
Bedeutung heute
Der Kirchtag hat sich gewandelt, aber er lebt. Bis heute ist der Jahrmarkt mit Gegenständen des täglichen Bedarfs und Süßigkeiten wie großen verzierten Lebkuchenherzen, Schaumrollen oder Zuckerwatte fester Bestandteil des traditionellen Kirtags.
Der Kirchtag wird nach örtlichem Brauch von einer bestimmten Gruppe ausgerichtet, die auch die Musikanten engagiert. Früher waren das oft die Burschenschaften oder die Wirte, heute sind es meist Vereine.
Viele kleine Dorfkirchtage haben in den letzten Jahrzehnten an Bedeutung verloren. Dort, wo sie aber noch gepflegt werden, erfüllen sie eine wichtige Funktion: Sie geben dem Dorfleben Struktur, stärken das Gemeinschaftsgefühl und erinnern daran, dass es schon immer Anlass gab, zusammen zu feiern.