Heiligengeistloch

Heiliggeistloch, Himmelloch, Pfingstloch

von Clemens Gull

Wer in einer alten Dorfkirche den Blick nach oben richtet, entdeckt manchmal eine kreisrunde Öffnung im Gewölbe des Kirchenschiffs, oft geschmückt mit gemalten Flammenzungen, Engeln oder Tauben. Dieses unscheinbare Loch trägt einen großen Namen: Heiliggeistloch.

Das Heiliggeistloch, auch Himmelloch oder Pfingstloch genannt, ist eine Öffnung in der Decke des Kirchenlanghauses, meist in der Nähe des Chores. Ihr eigentlicher Zweck war zunächst ein rein praktischer: Sie diente zur Lüftung des Kirchenraums. Im Laufe der Zeit aber wurde aus dem schlichten Baudetail ein liturgisches Ausdrucksmittel von großer Wirkungskraft.

Herkunft und geschichtlicher Hintergrund

Der Brauch ist seit der Gotik bekannt und geriet nach der Aufklärung nach und nach außer Gebrauch. Heute wird er in einigen Kirchen wieder aufgegriffen. Wann genau die Öffnung erstmals liturgisch genutzt wurde, lässt sich nicht auf ein genaues Datum festlegen. Sicher ist, dass das Mittelalter eine ausgeprägte Neigung zur sinnlichen Vergegenwärtigung des Unsichtbaren kannte. Der Heilige Geist, von Natur aus körperlos und unsichtbar, brauchte ein Bild, eine Geste, einen Moment. Das Loch in der Decke bot genau das: einen Durchlass zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen menschlichem Raum und göttlichem Oben.

Was durch das Loch herabkam

Während des Pfingstgottesdienstes ließ man durch die Öffnung eine weiße Taube als Symbol des Heiligen Geistes fliegen, eine geschnitzte Holztaube herabsenken oder Blumen in den Kirchenraum regnen. Besonders spektakulär, aber auch riskant war ein anderer Brauch: Gelegentlich ließ man brennendes Werg durch das Loch fallen, als Sinnbild der Feuerzungen, die laut der biblischen Pfingstgeschichte auf die Apostel herabkamen. Die Brandgefahr war erheblich, weshalb dieser Brauch offenbar nur selten und mit Vorsicht praktiziert wurde.

Das Heiliggeistloch war aber nicht nur an Pfingsten in Gebrauch. An Christi Himmelfahrt wurde etwa ein Licht durch die Öffnung geschwenkt, Süßigkeiten und Blumenkränze für die Jugend hinabgeworfen, oder eine Christusfigur stieg an einem Seil durch das Loch in den „Himmel“ auf. Für die Gläubigen, viele von ihnen des Lesens unkundig, war solch ein sichtbares Zeichen weit mehr als bloßes Theater. Es war Glaubensvermittlung mit den Mitteln des Erlebens.

Regionale Besonderheiten

Im Alpenraum haben sich vereinzelt besonders lebendige Beispiele erhalten. In der Kapelle bei Ebbs in Tirol hängt unter einem geöffneten Heiliggeistloch noch heute eine Pfingsttaube, auch in Söll in Tirol findet sich ein Heiliggeistloch mit schwebender Taube. In Mittenwald in Bayern und im Kloster Neustift in Südtirol hat sich der Brauch erhalten, an Christi Himmelfahrt eine Christusstatue durch das Heiliggeistloch nach oben zu ziehen, um die Himmelfahrt für die Gemeinde sichtbar zu machen.

In Kaumberg im niederösterreichischen Bezirk Lilienfeld ist ein Pfingstloch erhalten, das noch gemalte Flammenzungen aus dem frühen 16. Jahrhundert zeigt.

Im Passauer Dom wurde das Heiliggeistloch auf besondere Weise weitergenutzt: Über der Öffnung im Dachgebälk befindet sich ein Orgelwerk, dessen Klang durch das vergitterte Loch in den Kirchenraum herabdringt.

Die Verbindung zur Heiligengeist-Taube in der Stube

Wer den Text zur Suppenbrunzer kennt, dem erschließt sich hier ein interessanter Zusammenhang: Die hölzerne Taube, die in bäuerlichen Stuben über dem Esstisch hing und an der heißen Suppe kondensierte, ist das häusliche Gegenstück zum kirchlichen Brauch. Was im Gotteshaus das Heiliggeistloch mit der herabgelassenen Schnitzfigur darstellte, fand im bäuerlichen Alltag seinen bescheidenen Widerschein in der über dem Tisch schwebenden Taube. Beide Orte, Kirche und Stube, verbindet die gleiche Vorstellung: Der Heilige Geist ist mitten unter uns, er kommt von oben herab.

Bedeutung heute

Obwohl der Brauch nach der Aufklärung weitgehend verschwand, wird er heute in einigen Kirchen wieder belebt. Für viele Kirchengemeinden ist das Heiliggeistloch heute vor allem ein bauhistorisches Zeugnis, das davon erzählt, wie lebendig und sinnlich die mittelalterliche und frühneuzeitliche Liturgie war. Die Idee, das Abstrakte konkret erfahrbar zu machen, hat dabei nichts von ihrer Kraft verloren.