
Traditionen
Innviertler Landler
von Clemens Gull
Manche Tänze lassen sich in wenigen Schritten erklären, der Innviertler Landler nicht. Er ist Tanz, Musik und Gesang gleichzeitig, ein „gemeinschaftliches Gesamtkunstwerk", wie es in der Region genannt wird – und er lässt sich nur verstehen, wenn man seine Trägerinnen und Träger kennt: die Zechen.
Die Zechen als Herzstück der Tradition
Ursprung und Fortbestand des Landlers sind untrennbar mit den Innviertler Zechen verbunden – bäuerlichen Burschenkameradschaften, die sich zusammenfanden, um bei Hochzeiten und Kirchtagen aufzuspielen und zu tanzen. Jede Zeche entwickelte dabei ihre eigene, unverwechselbare Variante des Landlers, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wurde. Manche Details der jeweiligen Schrittfolgen – auch „Zettel", „Gsätzl" oder „Eicht" genannt – unterschieden sich bewusst von Zeche zu Zeche, sodass Auswärtige ohne Einweihung gar nicht richtig mittanzen konnten. Der Landler war damit auch ein Erkennungszeichen der eigenen Dorf- oder Talgemeinschaft.
Ein Dreiklang aus Tanz, Musik und Almer
Musikalisch erkennt man den Innviertler Landler an seinem „verzogenen" Dreivierteltakt mit einer eigenwilligen Betonung, die ihn deutlich von anderen österreichischen Landlerformen unterscheidet. Getragen wird die Musik traditionell von Streichern – zwei Geigen sowie Cello oder Bassgeige –, seit den 1920er-Jahren ergänzt um drei Blechbläser. Zum festen Bestandteil gehört außerdem der angehängte Jodler, „Almer" genannt: eine besondere Gesangstechnik, bei der Kopf- und Bruststimme über gezielte Bewegungen des Gaumensegels ineinander übergehen. Erst das Zusammenspiel aus Tanzfigur, Melodie und Almer macht den Landler zu dem, was er im Innviertel bis heute ist – kein reiner Schautanz, sondern ein gemeinsames Musizieren, Singen und Bewegen.
Vom bäuerlichen Alltag zum Kulturerbe
Ihre ersten schriftlichen Spuren reicht die Tradition bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück, als eigenständige Gruppentanzform mit gemeinsamen Figurenfolgen lässt sie sich anhand von Gemälden kurz nach 1850 nachweisen – macht den Innviertler Landler zu einem Kulturgut mit einer Geschichte von deutlich mehr als 250 Jahren. Ende der 1930er-Jahre zählte man im Innviertel noch über 500 aktive Zechen. Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft, zunehmender Mobilität und einer individualisierteren Freizeitkultur setzte ab den 1950er-Jahren ein spürbares Zechensterben ein: Heute pflegen nur noch rund 15 bis 30 Zechen, Volkstanz- und Trachtengruppen die Tradition aktiv, die sich bei zwei bis vier Zechentreffen im Jahr gemeinsam präsentieren. 2013 wurde der Innviertler Landler als immaterielles Kulturerbe der UNESCO anerkannt – eine Anerkennung, die zugleich die Gefährdung der lebendigen Praxis unterstreicht. Initiativen wie die Musikgruppe Hoamatlandla, die alte Stücke neu einspielt, verfolgen ausdrücklich das Ziel, den Landler „zurück ins Wirtshaus" zu holen, statt ihn nur als musealen Programmpunkt bei Festen zu bewahren.
Mehr als ein Tanzschritt
Wer den Innviertler Landler einmal live erlebt hat, versteht schnell, warum er weit mehr ist als eine Choreografie: Er trägt Dorfgeschichte, Familientradition und eine ganz eigene Klangsprache in sich, die sich von Zeche zu Zeche unterscheidet. Gerade weil diese Vielfalt an lokalen Varianten heute nur noch von wenigen Gruppen weitergetragen wird, ist jeder einzelne Auftritt ein kleines Stück gelebter Innviertler Identität – zwischen Wirtshaustisch, Dorfplatz und Konzertbühne.
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