Mysterienspiel

Mysterienspiel

von Clemens Gull

Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort mysterion ab, was so viel wie Geheimnis bedeutet. Im kirchlichen Gebrauch meinte man damit die heilsgeschichtlichen Ereignisse aus dem Leben Jesu Christi, die für den Glauben von zentraler Bedeutung sind. Ein Mysterienspiel ist also im Kern ein religiöses Schauspiel, das diese Glaubensinhalte sichtbar und erlebbar machen soll.

In Fachkreisen wird der Begriff heute eher vermieden. Das Österreichische Musiklexikon empfiehlt stattdessen den präziseren Oberbegriff Geistliches Spiel sowie dessen Unterformen wie Oster-, Passions-, Weihnachts- oder Legendenspiel. Doch im allgemeinen Sprachgebrauch hat sich Mysterienspiel„als Sammelbegriff für das religiöse Theater des Mittelalters und seine Nachfolgeformen bis heute gehalten.

Vom Kirchenraum auf den Marktplatz

Seit dem 11. Jahrhundert sind Mysterienspiele belegt, anfangs dargeboten von Geistlichen und Klosterschülern auf Latein. Im 13. Jahrhundert wanderten die Aufführungen zunehmend in die Volkssprache und damit auch in die Öffentlichkeit.

Aus dem liturgischen Rahmen des Gottesdienstes herausgewachsen, fanden die Spiele nun auf Marktplätzen und anderen öffentlichen Orten statt. Biblische Geschichten, Totentänze oder Darstellungen des Jüngsten Gerichts wurden aufgeführt. Die Rollen übernahmen mehr und mehr Mitglieder der städtischen Zünfte, wobei jede Zunft für ein bestimmtes Stück zuständig war. Das Spektakel war damit fest in der Gemeinschaft verankert, ein kollektives Projekt aus Glaube und Stadtleben.

Aus einfachen Osterspielen entwickelten sich mit der Zeit umfangreiche Passionsspiele. Ab dem 14. Jahrhundert wuchsen sie in Umfang und Aufwand, bis Aufführungen bisweilen mehrere Tage dauerten. Bekannte Zyklen entstanden etwa in St. Gallen, in Alsfeld, in Bozen und in Erl in Tirol.

Der Alpenraum als besonderes Zentrum

Die Forschung hält den Ostalpenraum für eine der bedeutendsten mittelalterlichen Pflegestätten des lateinischen geistlichen Spiels im deutschsprachigen Raum. Frühe Trägerzentren waren die Kathedralklöster in Passau, Salzburg, Chiemsee, Seckau und Brixen. Schon im Mittelalter hatte der Alpenraum also eine besondere Dichte an religiösem Theater.

In Österreich wurde diese Tradition 1751 durch ein obrigkeitliches Verbot abgebrochen. Erst im 20. Jahrhundert lebte sie wieder auf, stark beeinflusst durch die Passionsspiele von Oberammergau in Bayern, die als einzige im Alpenraum eine ununterbrochene Aufführungstradition besitzen.

In Thiersee in Tirol etwa gelobten die Bewohner 1799, um die Kriegsnot von ihrem Ort fernzuhalten, alljährlich in der Fastenzeit ein Mysterienspiel aufzuführen, eine Tradition, die bis heute weiterlebt. Ähnliche Lokaltraditionen entstanden in der Steiermark und im Salzburger Raum.

In Salzburg selbst hat das Mysterienspiel eine besondere Geschichte: Schon im Mittelalter wurden dort große Mysterienspiele aufgeführt, und am Domplatz inszenierte Max Reinhardt 1920 den Jedermann von Hugo von Hofmannsthal. Die Premiere am 22. August 1920 markierte zugleich die Geburtsstunde der Salzburger Festspiele, und das Stück steht seither, mit einer Unterbrechung während der NS-Zeit, ununterbrochen auf dem Spielplan.

Formen und typische Elemente

Unter den Begriff Mysterienspiel fallen verschiedene Spielformen, je nach Thema und liturgischem Anlass:

  • Passionsspiel
    Das Leiden und Sterben Jesu, vom Einzug in Jerusalem bis zur Kreuzigung. Die bekannteste Form, vor allem in Oberammergau weltweit bekannt.
  • Osterspiel
    Die Auferstehung Christi, ursprünglich aus der Osterliturgie herausgewachsen.
  • Weihnachtsspiel
    Geburt Jesu, Verkündigung, Krippe. Im Alpenraum bis heute lebendig in Form von Krippenspielen und den Oberuferer Weihnachtsspielen.
  • Fronleichnamsspiel
    Aufführungen zum Fronleichnamsfest, mit besonderem Bezug auf die Eucharistie.

Der Übergang zur volkstümlichen Unterhaltung war dabei fließend: Fahrende Schausteller und ihre Darbietungen standen bei der Kirche nicht immer in hohem Ansehen, während kirchliche Rituale selbst schon immer eine theatralische Dimension hatten.

Bedeutung heute

Das klassische Mysterienspiel des Mittelalters ist in seiner ursprünglichen Form kaum noch lebendig. Nur vereinzelt gibt es noch Aufführungen, zum Beispiel in Meckenheim-Lüftelberg, wo jedes Jahr zu Fronleichnam das Leben verschiedener Heiliger gespielt wird.

Was fortlebt, sind seine Nachfolgeformen: die Passionsspiele in Tirol und der Steiermark, die Krippenspiele in Advent und Weihnacht, und im übertragenen Sinn auch der Jedermann auf dem Salzburger Domplatz. Dieser Entwicklungsstrang führte vom religiösen Spiel zum Volksschauspiel, einem nichtprofessionellen Rollenspiel außerhalb des regulären Theaterbetriebs, getragen von Menschen, die in einem lebendigen Brauchtumsgefüge stehen.

Das ist vielleicht die entscheidende Pointe: Das Mysterienspiel war nie bloßes Theater. Es war der Versuch einer Gemeinschaft, das Heilige greifbar zu machen, nicht auf der Distanz einer Bühne, sondern mitten unter den Menschen.