
Reliquien
von Clemens Gull
Das Wort „Reliquie“ stammt vom lateinischen reliquiae und bedeutet so viel wie „das Zurückgelassene“ oder „Überbleibsel“. Gemeint sind damit körperliche Überreste von Heiligen, also Knochen, Asche oder einzelne Körperteile, aber auch persönliche Gegenstände, die einem Heiligen gehört haben oder mit ihm in Berührung gekommen sind. Diese zweite Gruppe nennt man Berührungs- oder Kontaktreliquien. Daneben gibt es noch Sekundärreliquien: Gegenstände, die über einen längeren Zeitraum am Grab eines Heiligen aufbewahrt wurden und dadurch selbst als heilig gelten.
Im Kern steckt dahinter ein tief menschlicher Gedanke: Das Heilige hört nicht mit dem Tod auf. Es bleibt, es wirkt weiter, man kann es berühren, anrufen, erbitten.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Die Reliquienverehrung ist die älteste Form der Heiligenverehrung überhaupt und lässt sich bis ins 2. Jahrhundert zurückverfolgen. Sie wächst direkt aus dem frühen Märtyrerkult heraus: Wer für seinen Glauben gestorben war, dem wurde eine besondere Nähe zu Gott zugesprochen. Es wurde Brauch, über den Gräbern der Märtyrer Altäre und später ganze Kirchen zu errichten.
Seit dem 8. Jahrhundert war die Kirche bestrebt, jeden ihrer Altäre mit einer Reliquie auszustatten. Das hatte weitreichende Folgen: Der Bedarf wuchs enorm. Die hohe Nachfrage förderte im Mittelalter einen lebhaften Handel, bei dem nicht selten auch gefälschte Objekte in Umlauf gerieten. Wer eine bedeutende Reliquie besaß, besaß Prestige, Ansehen und Pilgerströme. Feudalherrscher erwarben Reliquien berühmter Heiliger, um ihr Ansehen beim Volk zu steigern und ihren Herrschaftsanspruch zu festigen.
Mit der Reformation im 16. Jahrhundert setzte ein deutlicher Rückgang der ausgeprägten Reliquienverehrung ein, während sie im katholischen Glauben bis heute fortbesteht.
Reliquiare: Das kostbare Gehäuse des Heiligen
Für die Aufbewahrung und Zurschaustellung von Reliquien wurden kunstvolle Behältnisse geschaffen, die sogenannten Reliquiare. Sie sind meist kostbar gestaltet, mit Gold, Edelsteinen und aufwendiger Ziselierung, und werden in Kirchen gezeigt. Die Form richtete sich oft nach dem Inhalt: Armknochen kamen in goldene Armreliquiare, Schädelreliquien in kunstvoll gearbeitete Köpfe. Diese sogenannten „sprechenden Reliquiare“ entstanden, weil unter den Pilgern der Wunsch wuchs, die Reliquien unmittelbarer in Augenschein nehmen zu können, und weil geschlossene Kästen zunehmend Misstrauen weckten, zumal Fälschungen immer häufiger wurden.
Zu den bekanntesten mittelalterlichen Reliquienschreinen zählen der Dreikönigenschrein im Kölner Dom, der Karlsschrein im Aachener Dom sowie der Marburger Elisabethschrein.
Reliquien und Wallfahrt
Im Alpen- und Voralpenraum waren Reliquien über Jahrhunderte eng mit der Wallfahrtskultur verflochten. Der Glaube dahinter war, dass Reliquien eine eigene Kraft und Wirkungsmacht besäßen, die auch über den Tod des Heiligen hinausgehe.
Klöster und Kirchen im Alpenraum wurden zu bedeutenden Pilgerstätten, wenn sie eine bedeutsame Reliquie ihr Eigen nennen konnten. So entwickelte sich etwa das Benediktinerkloster Andechs in Bayern, das eine Blutreliquie verwahrt, ebenso zum Wallfahrtszentrum wie Heiligenblut am Großglockner in Kärnten.
In Salzburg selbst ist der Dom ein aufschlussreiches Beispiel: Unter seinen Seitenaltären befinden sich Reliquienschreine, darunter Schädelreliquien. Die Gebeine des heiligen Rupert, des Stadtpatrons und ersten Bischofs von Salzburg, wurden bereits 774 zur Domweihe aus Worms nach Salzburg überführt und bildeten damit von Beginn an einen spirituellen Mittelpunkt der Stadt.
Für die Habsburger spielte Mariazell die zentrale Wallfahrtsrolle, für die Wittelsbacher war es Altötting. Beide Orte sind zwar keine reinen Reliquienstätten, zeigen aber, wie eng Herrschaft, Frömmigkeit und heilige Objekte im Alpenraum miteinander verwoben waren.
Die drei Klassen der Reliquien
In der kirchlichen Tradition werden Reliquien in drei Gruppen eingeteilt, die heute noch gebräuchlich sind:
- Erstklassige Reliquien sind Körperteile des Heiligen selbst, also Knochen, Asche oder ähnliches.
- Zweitklassige Reliquien sind Gegenstände, die dem Heiligen gehörten oder von ihm getragen wurden.
- Drittklassige Reliquien sind Objekte, die lediglich Kontakt mit einer erst- oder zweitklassigen Reliquie hatten, etwa ein Tuch, das auf einen Schrein gelegt wurde.
Diese Einteilung ist kirchenrechtlich fundiert und gilt bis heute.
Kritik, Handel und der Vorwurf der Fälschung
Man darf nicht so tun, als wäre die Reliquienverehrung immer ungetrübt gewesen. Gefälschte Reliquien waren im Mittelalter kein Randphänomen, sondern ein weit verbreitetes Problem. Der Spott war entsprechend: Wie konnte Christus ein Dutzend Vorhäute hinterlassen? Wie konnten von mehreren Kirchen gleichzeitig der Originalfinger des heiligen Bartholomäus verehrt werden? Aus den Splittern des Kreuzes von Jesus kann man ganze Häuser bauen!
Martin Luther machte die Reliquienverehrung zu einem seiner zentralen Angriffspunkte. In katholischen Regionen wie Bayern und Österreich hielt sich die Praxis dagegen durch die Gegenreformation und blieb volksfromm verankert.
Reliquien heute
Im Alpenraum sind Reliquien auch heute noch lebendig, wenn auch stiller als im Mittelalter. In vielen alten Kirchen und Stiften sind Reliquiare Teil der Kirchenausstattung, manchmal sichtbar in Altarnischen, manchmal unscheinbar in Altarplatten eingelassen. Wallfahrten wie jene nach Altötting oder Mariazell ziehen nach wie vor Hunderttausende an, auch wenn der Schwerpunkt dort heute auf dem Gnadenbild liegt und weniger auf einer Körperreliquie.
Für die Volkskundlerinnen und Volkskundler sind Reliquien nicht zuletzt ein Zeugnis dafür, wie Menschen versucht haben, das Ungreifbare greifbar zu machen: das Göttliche berühren, das Heilige anfassen, die Verbindung spüren.