Holzbearbeitung

Schwegelpfeife, Seitlpfeiferl

von Clemens Gull

Die Schwegelpfeife, im Dialekt oft einfach „Schwegel“ oder „Seitlpfeiferl“ genannt, ist ein hölzernes Blasinstrument mit sechs Grifflöchern, das seitlich, also quer zum Körper, angeblasen wird. Mit diesen sechs Löchern lässt sich ein Tonumfang von zweieinhalb Oktaven spielen, und der Klang ist schrill und durchdringend. Gefertigt wird sie vom Drechsler, meist aus Birnbaum, Zwetschke, Buchs oder Pfaffenkappl, die besten aber aus Eibe. Heute gibt es sie auch aus Kunststoff, aber die Holzvariante gilt unter Kennern als klanglich überlegen.

Herkunft und Geschichte

Die Schwegelpfeife ist seit dem 12. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum nachweisbar. Ihren Ursprung hatte sie jedoch nicht in der Volksmusik, sondern auf dem Schlachtfeld: Ursprünglich kam die Schwegel aus der Militärmusik, und die Landsknechtkapellen bestanden klassischerweise aus zwei Pfeifen und einer Trommel. Im Mittelalter war sie, gepaart mit der Trommel, das Instrument der Landsknechte, aber auch der Bauern bei den Bauernaufständen und der Burschen bei ihren Kirchweihzügen.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Schwegel in Tirol wohl ihre Hochzeit, bevor das Aufkommen der Blechmusikkapellen die alte Marschmusik zunehmend verdrängte. Die Schützen hielten die Tradition jedoch lebendig, und so fand das Instrument seinen Weg aus dem militärischen in den volkskulturellem Kontext.

Klang, Bau und Spielpraxis

Das Besondere an der Schwegel ist ihre Schlichtheit. Kein Klappenwerk, keine Mechanik, nur Holz, sechs Löcher und ein Anblaseloch. Schwegelpfeifen-Spielerin Anja Grabner beschreibt es so: Das Instrument sei jederzeit einfach zu spielen und passe in jeden Rucksack. Die wichtigsten Stimmlagen bewegen sich heute meist um a1 (440 Hz), also kammerton-kompatibel, was das Zusammenspiel erleichtert.

Der typische Einsatz war und ist die Kombination mit einer Trommel, meist einer Rührtrommel. Dieser Klang, Pfeife und Trommel zusammen, ist bis heute das akustische Erkennungszeichen der alpenländischen Schützenmusik.

Regionale Verbreitung

Die Schwegel wird bis heute im Salzkammergut, vereinzelt in Niederösterreich, in Tirol und Südtirol (Ahrntal und Tauferertal), in Oberbayern (Isarwinkel) sowie bei der Basler Fasnacht und im Wallis gespielt.

Das eigentliche Herzstück des Schwegelspiels ist das Salzkammergut. Dort hat sich das Musizieren mit der Seitlpfeife als wichtiger Bestandteil der Volksmusik bei Tanz und Marsch bis heute erhalten. In Salzburg ist der helle Klang der Schwegelpfeife etwa in Mattsee im Flachgau ein regionales Erkennungszeichen des Festschützenwesens.

In Tirol ist das Instrument untrennbar mit den Schützenkompanien verbunden, die ihren Ursprung in den Bürgerwehren des Mittelalters haben. Dort wird bis heute nach dem Motto Pfeife und Trommel marschiert.

Das Wissen um den Bau ist gefährdet

Ein dunkler Punkt in der Geschichte der Schwegel ist die zunehmende Seltenheit kompetenter Instrumentenbauer. Das Wissen um den Schwegelbau stützt sich auf mündliche Überlieferungen und ist als gefährdet einzustufen. Nach dem Ableben der beiden bekannten Schwegelbauer Hausa Schmidl in Kärnten und Dietmar Derschmidt in Scharnstein ist die Anzahl jener, die gute Instrumente bauen können, verschwindend gering.

Hausa Schmidl, Orgelbauer und Tischlermeister aus Heiligenblut, hat tausende Instrumente erzeugt, sowohl in der Tiroler Form als auch in der Salzkammergutform, und verkaufte sie als großer Idealist auch sehr günstig. Am Ostermontag 1999 ist er hochbetagt im Alter von 94 Jahren verstorben.

Bedeutung heute

Die Seitelpfeife, also die Schwegelpfeife, ist als immaterielles Kulturerbe im österreichischen nationalen UNESCO-Verzeichnis eingetragen, was ihren kulturellen Stellenwert unterstreicht. Das Instrument ist kein museales Objekt, sondern lebt in den Schützenvereinen, bei Pfeifertagen und regionalen Festen weiter.

Für die Schwegler im gesamten Alpenraum, die laut den Aufzeichnungen der Pfeiferväter aus allen Bundesländern Österreichs sowie aus Bayern und Südtirol kommen, ist der Pfeifertag der wichtigste Musiziertermin des Jahres. Diese Zusammenkünfte funktionieren noch immer großteils über Mundpropaganda.