Archiv: Brauchtumsfiguren
Brauchtumsfigur mit Text und Zusammenfassung
Eber
Frau Perchta
Als weibliche Urgestalt vereint sie Gegensätze. Ihre Erscheinung kann schön und hell sein – mütterlich, schützend, fast tröstend – doch im nächsten Moment zeigt sie ihr anderes Gesicht: hart, furchteinflößend, mahnend. Genau diese Spannung macht ihre Kraft aus. Frau Perchta erinnert daran, dass Licht ohne Schatten nicht existiert.
In der Perchtenüberlieferung steht sie für Regel und Verantwortung. Sie sieht, was im Verborgenen geschieht: Wer fleißig, ehrlich und achtsam lebt, dem begegnet sie gnädig; wer träge, respektlos oder maßlos ist, spürt ihre Strenge – nicht aus Grausamkeit, sondern aus dem Bedürfnis nach Ausgleich.
Emotional wirkt Frau Perchta wie eine Grenze, die man nicht überschreiten möchte – und doch braucht. Sie verkörpert das alte Wissen, dass jede Gemeinschaft Regeln braucht, jede Jahreszeit ihren Platz hat und jeder Mensch sich seinem Tun stellen muss. In ihrer Nähe wird es still, fast ehrfürchtig. Man senkt unwillkürlich den Blick.
Hahnergickerl
Heiliger Nikolaus
Hinter dem Gabenbringer, der jedes Jahr am Vorabend des 6. Dezember an die Tür klopft, steht eine historische Person: Nikolaus war Bischof von Myra, einer Stadt im heutigen Süden der Türkei, und starb vermutlich im 4. Jahrhundert – das genaue Todesjahr schwankt in den Quellen zwischen 326 und 365. Früh zur Waise geworden, erbte er ein beträchtliches Vermögen, das er der Überlieferung nach vollständig für Bedürftige einsetzte. Aus dieser Grundhaltung speist sich eine der ältesten Nikolauslegenden: die Geschichte vom armen Vater, der seine drei Töchter mangels Mitgift in Not verkaufen wollte, bis Nikolaus in drei aufeinanderfolgenden Nächten je einen Klumpen Gold durchs Fenster warf und die Mädchen so vor diesem Schicksal bewahrte. Diese Legende gilt als eigentlicher Ursprung des heimlichen, nächtlichen Schenkens, das bis heute den Kern des Brauchs bildet.
Um die Person rankten sich über die Jahrhunderte zahlreiche weitere Erzählungen, die sich historisch nicht immer sauber trennen lassen – die Forschung geht davon aus, dass sich die Überlieferung des Bischofs von Myra mit der eines gleichnamigen späteren Abtes des Sion-Klosters vermischt hat. Ein zweiter, davon deutlich unterschiedener Erzählstrang zeigt Nikolaus nicht als Gabenbringer, sondern als unerschrockenen Richter und Fürsprecher zu Unrecht Verurteilter – am eindrücklichsten im Stratelatenwunder, in dem er einem Henker das erhobene Schwert aus der Hand reißt. Aus genau diesem Motiv von gerechtem Lohn und Strafe speist sich später auch die Doppelfigur aus mildem Nikolaus und strafendem Krampus, ohne dass die Legende diese Paarung selbst schon vorwegnimmt.
Nach seinem Tod wuchs der Kult rasch: Aus seinen Gebeinen soll heilendes Öl geflossen sein, was Myra zu einem bedeutenden Wallfahrtsort machte. Als die Stadt 1087 vor der Eroberung durch seldschukische Truppen aufgegeben wurde, entführten süditalienische Kaufleute die Gebeine nach Bari, wo bis heute die Basilika San Nicola über ihnen steht. Allein zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert wurden nördlich der Alpen mehr als 2.200 Kirchen nach ihm benannt – ein Ausmaß, das ihn zu einem der meistverehrten Heiligen des Mittelalters macht. In der bildlichen Darstellung ist er bis heute klar erkennbar: Mitra und Bischofsstab, dazu ein Buch, auf dem drei goldene Kugeln oder Äpfel liegen – ein stiller Verweis auf die drei geretteten Töchter. Als Schutzpatron steht er unter anderem für Kinder, Seefahrer, Bäcker und Kaufleute.
Im Alpenraum ist aus dem historischen Bischof längst eine feste weihnachtliche Figur geworden, die weit über die Kirche hinausreicht – nachzulesen etwa im Nikolausbesuch mit seinen Ritualen rund um Stiefel, Gaben und Hausbesuch, oder im Salzburger Nikolausgarten. Sein fester Gegenpart bleibt dabei der Krampus: Während der Nikolaustag am 6. Dezember dem Lob der Braven gehört, ist der Vorabend als Krampusnacht dem Mahnenden vorbehalten – zwei Figuren, ein gemeinsamer Ursprung im Spannungsfeld von Güte und Gerechtigkeit, das schon die spätantiken Legenden prägte.
Hexe
Hoabagoaß
Krampus
Ziegenfüße, zottiges Fell, Hörner, eine geschnitzte Holzmaske – die sogenannte Larve – und im Gefolge das Scheppern schwerer Ketten und Glocken: So zieht der Krampus jedes Jahr um den 5. Dezember durch die Straßen des Alpenraums. Sein Name geht vermutlich auf das mittelhochdeutsche „Krampen“ zurück, das so viel wie Kralle oder verkrümmte Klaue bedeutet – ein Hinweis auf die krallenartigen Hände, mit denen er in älteren Darstellungen unartige Kinder packt. Regional trägt er viele Namen: Klaubauf, Kramperl, Tuifl oder Ganggerl, je nachdem, ob man im Salzburger Land, in Tirol oder in der Steiermark unterwegs ist.
Seine Ursprünge liegen im Dunkeln der vorchristlichen Wintermythologie – Volkskundler vermuten Wurzeln in alten Bräuchen, mit denen man in der kalten Jahreszeit böse Geister vertreiben wollte. Mit dem heiligen Nikolaus verbindet sich der Krampus erst später: Im Mittelalter traten in kirchlichen Nikolausspielen bereits finstere Begleiter des Bischofs auf, zur festen Paarung aus strafendem Krampus und gütigem Nikolaus wurde daraus aber erst in der Zeit der Gegenreformation. Anders als seine Perchten-Verwandten, die in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig umgehen, hat der Krampus seinen festen Platz am Vorabend des Nikolaustags – der 5. Dezember gilt als die eigentliche Krampusnacht. Beide Traditionen speisen sich aus derselben Vorstellungswelt maskierter Wintergeister; in Wien lässt sich der Krampus als Begleiter des Nikolaus urkundlich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen.
Populär im heutigen Sinn wurde der Krampus im 19. Jahrhundert: Mit der Einführung der Postkarte in Österreich 1869 entstand rasch eine regelrechte Mode kolorierter, gedruckter „Krampuskarten“ mit dem Gruß „Gruß vom Krampus“ – mal zum Fürchten, mal augenzwinkernd-frivol, gedruckt in Wien und München und massenhaft verschickt. In der Zwischenkriegszeit bekam die Figur sogar eine politische Dimension: In Wahlkampf-Karikaturen diente der Krampus als Sinnbild des Bedrohlichen, während sozialdemokratische Pädagogen in den 1920er-Jahren offen gegen die Angstmache durch den Krampus Stellung bezogen. Kinderaufsätze aus jener Zeit zeigen allerdings, dass viele Kinder die vermeintlich furchteinflößende Gestalt längst durchschaut und eher amüsiert betrachtet hatten, als sich wirklich zu fürchten.
Heute lebt der Krampus vor allem im Krampuslauf weiter: In sogenannten Passen ziehen die Maskenträger durch die Orte, organisiert von hunderten Krampus- und Perchtenvereinen, die großen Wert auf handwerklich echte Masken und Kostüme legen. Die Faszination hat längst die Grenzen des Alpenraums gesprengt – mittlerweile gibt es Krampusläufe und -festivals von amerikanischen Großstädten bis nach Tokio, wo japanische Krampus-Fans die alpine Tradition mit sichtlicher Begeisterung übernommen haben. Was als lokaler Wintergeist begann, ist damit zu einem der bekanntesten Exportartikel des österreichischen Brauchtums geworden.