Andreasgebet
Gebet

Angelusgebet

von Clemens Gull

Drei Mal am Tag hält die Zeit kurz inne. Um sechs Uhr morgens, um zwölf Uhr mittags und um sechs Uhr abends läuten in vielen Dörfern und Städten des Alpenraums die Kirchenglocken und wer in dieser Welt aufgewachsen ist, weiß: Das ist das Zeichen zum Angelus. Eine kurze Pause. Ein paar Worte. Ein Atemzug zwischen den Stunden des Tages.

Das Angelusgebet – lateinisch Angelus Domini – ist ein kurzes katholisches Gebet, das an die Verkündigung des Erzengels Gabriel an Maria erinnert. Der Moment also, in dem Maria erfährt, dass sie die Mutter Jesu werden soll. Der Name leitet sich vom ersten Wort des Gebets ab. Das Gebet besteht aus drei kurzen Wechselrufen mit jeweils einem Ave Maria, gefolgt von einer abschließenden Oration. Es ist kein langes Gebet – wer es kennt, betet es in zwei bis drei Minuten.

Das Gebet

Latein

Angelus Domini nuntiavit Mariae et concepit de Spiritu Sancto.

Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae.
Amen.

Ecce, ancilla Domini, Fiat mihi secundum verbum Tuum.

Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae.
Amen.

Et verbum caro factum est et habitavit in nobis.

Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae.
Amen.
 
Ora pro nobis, Sancta Dei Genetrix,
ut digni efficiamur promissionibus Christi.

Oremus.
Gratiam Tuam, quaesumus, Domine, mentibus nostris
infunde, ut qui angelo nuntiante, Christi, filii Tui, incarnationem
congnovimus, per passionem Eius et crucem ad resurrectionis gloriam
perducamur.
Per Eundem Christum, Dominum nostrum.
Amen.

Deutsch

Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft, und sie empfing vom Heiligen Geist.

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.
Amen.

Maria sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort.

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.
Amen.Gegrüßet seist du, Maria…

Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.

Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.
Amen.

Bitte für uns, heilige Gottesmutter, dass wir würdig werden der Verheißung Christi.

Lasset uns beten:
Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein.
Durch die Botschaft des Engels haben wir die Menschwerdung Christi, deines Sohnes, erkannt.
Lass uns durch sein Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung gelangen.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
Amen.

 

Die genaue Entstehung des Angelusgebets lässt sich nicht auf ein einzelnes Datum oder eine einzelne Person zurückführen. Was sich sagen lässt: Bereits im frühen Mittelalter gab es in Klöstern die Praxis, abendliche Glockenzeichen mit einem Mariengebet zu verbinden. Im 13. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch, beim Abendläuten drei Ave Maria zu beten. Franziskanische und dominikanische Orden trugen wesentlich zur Verbreitung dieser Andachtsform bei.

Das Mittagläuten kam möglicherweise im Zusammenhang mit den Türkenkriegen des 15. Jahrhunderts auf – Papst Calixt III. soll 1456 zum Gebet gegen die osmanische Bedrohung aufgerufen haben. Das morgendliche Läuten etablierte sich später und vervollständigte den Dreiklang des Tages.

Im Laufe der Jahrhunderte wuchs das Angelusläuten zu einem der prägendsten akustischen Signale des bäuerlichen und kleinstädtischen Lebens im katholischen Mitteleuropa.

Ablauf und typische Elemente

Das Gebet folgt einem festen Schema, wie oben ausführlich dargestellt:

  • Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft … → Ave Maria
  • Maria sprach: Ich bin die Magd des Herrn … → Ave Maria
  • Und das Wort ist Fleisch geworden … → Ave Maria

Abgeschlossen wird mit einer kurzen Kollekte, die um Fürsprache und Beistand bittet.

Das Läuten selbst folgt einem eigenen Rhythmus: dreimal drei Glockenschläge, getrennt durch kurze Pausen, dann ein längeres Nachläuten. Wer diesen Klang kennt, erkennt ihn sofort.

Regionale Bedeutung im Alpenraum

Im bäuerlichen Leben Salzburgs, Tirols, Bayerns und der Steiermark war das Angelusläuten mehr als ein religiöses Signal – es war der Taktgeber des Arbeitstages.

Beim Mittagsläuten wurde auf dem Feld die Arbeit unterbrochen, das Vesper ausgepackt, kurz gebetet. Wer das Läuten ignorierte, galt in manchen Gegenden als unhöflich oder gottlos, nicht aus frommer Strenge, sondern weil der Rhythmus des Tages für alle galt.

In einigen Regionen Österreichs ist es bis heute Brauch, beim Angelusläuten kurz innezuhalten, die Kopfbedeckung abzunehmen oder wenigstens die Arbeit für einen Moment ruhen zu lassen. In manchen Gegenden des Alpenraums wird das Abend-Angelus bis heute streng eingehalten, in anderen ist der Brauch kaum noch bekannt.

Bedeutung heute

In vielen Pfarreien läuten die Glocken noch immer dreimal täglich – auch wenn nicht mehr jeder weiß, warum. In touristisch geprägten Orten ist das Mittagläuten manchmal nur noch Kulisse. Anderswo, besonders in ländlichen Gemeinden Tirols, Salzburgs und Bayerns, hat das Angelusgebet seinen Platz im Alltag behalten.

In Klöstern und manchen frommen Haushalten wird es noch täglich gesprochen. Und auch Menschen, die dem Glauben eher distanziert gegenüberstehen, verbinden mit dem Glockenklang oft eine unbestimmte Ruhe – den Impuls, kurz durchzuatmen.