
Gebet
Ave Maria
von Clemens Gull
Das Gebet
„Ave Maria“ ist lateinisch und bedeutet schlicht: „Sei gegrüßt, Maria“. Es ist das wohl bekannteste marianische Gebet der katholischen Kirche – also ein Gebet, das sich an Maria, die Mutter Jesu, richtet.
Latein
Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum.
Benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus.
Sancta Maria, Mater Dei,
ora pro nobis peccatoribus
nunc et in hora mortis nostrae.
Amen.
Deutsch
Gegrüßet seist du, Maria,
voll der Gnade,
der Herr ist mit dir.
Du bist gebenedeit unter den Frauen,
und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.
Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde unseres Todes.Amen.
Herkunft
Das Gebet ist kein Werk eines einzelnen Autors – es ist im Laufe von Jahrhunderten aus verschiedenen Quellen zusammengewachsen.
- Der erste Teil
stammt fast wörtlich aus dem Lukasevangelium (Lk 1,28 und 1,42). Es sind die Worte des Erzengels Gabriel bei der Verkündigung an Maria sowie der Gruß Elisabeths, der Mutter Johannes des Täufers. Diese Verse wurden früh in der Kirche als Gruß an Maria verwendet. - Der zweite Teil
die Bitte um Fürsprache kam schrittweise hinzu. Er entwickelte sich zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert im westlichen Christentum. Eine einheitliche, verbindliche Fassung entstand erst mit dem Brevier-Reform von Papst Pius V. im Jahr 1568. - Der Name Jesus
am Ende des ersten Teils wurde ebenfalls erst im späten Mittelalter ergänzt – vermutlich um die christologische Bedeutung zu betonen.
Der Engel des Herrn – das Angelusläuten
Wer im Voralpenland aufgewachsen ist, kennt das Angelusläuten: dreimal täglich – morgens, mittags und abends – läuten die Kirchenglocken. Das ist das Signal zum Ave Maria. Dieser Brauch geht auf das sogenannte Angelusgebet zurück, das aus drei Ave Maria-Gebeten und kurzen Versen besteht.
Auf dem Land – besonders in Bayern, Salzburg und Tirol – war es bis weit ins 20. Jahrhundert üblich, dass man bei den Glocken innehielt, die Kappe abnahm oder die Arbeit kurz ruhen ließ. Ein stiller Moment mitten im Tag.
Das Ave Maria im Rosenkranz
Das Ave Maria ist auch das Herzgebet des Rosenkranzes. Im Rosenkranz wird es insgesamt 53 Mal gebetet – eingebettet in die Betrachtung von Geheimnissen aus dem Leben Jesu und Mariens.
Der Rosenkranz war über Jahrhunderte das Volksgebet schlechthin im katholischen Alpenraum. In langen Winterabenden, bei der Feldarbeit, auf Wallfahrten oder am Sterbebett – das Ave Maria begleitete die Menschen durch alle Lebenslagen.
Regionale Besonderheiten
Im Salzburger Land, in Tirol und in Bayern ist die Marienverehrung tief verwurzelt. Zahlreiche Wallfahrtsorte, wie Mariazell in der Steiermark, Maria Plain bei Salzburg, Maria Kirchental im Salzburger Land oder Altötting in Bayern, sind Zentren dieser Frömmigkeit.
Dort erklingt das Ave Maria nicht nur als stilles Gebet, sondern auch als Gesang. Die bekannteste Vertonung stammt von Franz Schubert (1825), weitere von Charles Gounod und Johann Sebastian Bach. Diese Vertonungen haben das Gebet weit über die Grenzen der Kirchenräume getragen.
Bedeutung heute
Das Ave Maria ist für viele Menschen im Alpenraum mehr als Theologie – es ist kulturelles Gedächtnis. Wer es als Kind gelernt hat, trägt es oft ein Leben lang mit sich. Gleichzeitig ist es für jüngere Generationen manchmal ein fremder Text geworden. In der Pastoralarbeit, der kirchlichen Gemeindearbeit, wird deshalb heute oft erklärt, was die einzelnen Worte bedeuten und woher sie stammen.
Auch Menschen, die sich nicht mehr aktiv zur Kirche zählen, berichten, dass das Ave Maria in bestimmten Momenten, beim Tod eines Menschen, auf einer Wallfahrt, in der Stille der Berge, wieder auftaucht. Das Gebet hat eine eigentümliche Kraft, im Gedächtnis zu bleiben.