Singen
Sonstige Bräuche

Gstanzlsingen

von Clemens Gull

Irgendwann auf jeder echten Hochzeit im Alpenraum steht einer auf, klopft mit dem Bierkrug auf den Tisch, und schon ist es still im Saal. Was jetzt kommt, hat niemand vorbereitet – und genau darin liegt der Reiz: In vier gereimten Zeilen nimmt der Sänger die Braut, den Bräutigam oder gleich die ganze Verwandtschaft aufs Korn, treffsicher, oft frech, aber nie wirklich verletzend. Kaum ist der letzte Reim verklungen, johlt die Runde, und der Nächste überlegt sich schon seine eigene Antwort. Das ist Gstanzlsingen.

Ein Vierzeiler mit langer Geschichte

Der Begriff „Gstanzl“ geht vermutlich auf das italienische Wort „Stanza“ zurück, eine Strophenform mit fester Reimordnung, wie sie schon in der Renaissance gebräuchlich war. Verwandte Formen wie die norditalienische Villotta oder die spanische Copla sind nachweislich älter als ihre deutschsprachigen Ableger, und der sogenannte Schnaderhüpfel-Rhythmus lässt sich bereits im 17. Jahrhundert in weltlichen wie geistlichen Liedern nachweisen. Im bairisch-österreichischen Sprachraum hat sich daraus das Gstanzl entwickelt: ein knapper Vierzeiler im Dreivierteltakt, oft mit elfsilbigen, jambischen Versen, gereimt in Paar- oder Kreuzreim. Je nach Gegend heißt dieselbe Form auch Schnaderhüpfl, Schanderhagge oder Stückl – die Vielfalt der Namen verrät, wie tief die Tradition regional verwurzelt ist.

Wirtshaus, Hochzeit und Almhütte

Gstanzln haben keinen festen Ort. Sie erklingen spontan in der Wirtsstube, beim Tanz, auf der Alm oder eben bei der Hochzeit – überall dort, wo Menschen zusammensitzen und einer den Mut hat, als Erster den Ton anzugeben. Besonders lebendig ist der Brauch bei ländlichen Hochzeiten geblieben: Im Salzburger Pongau etwa bilden die Gäste beim sogenannten Brauttanz einen Kreis um das frisch vermählte Paar, während Gstanzln aus dessen bisherigem Leben zum Besten gegeben werden – liebevoll bloßstellend, wie es sich für den Anlass gehört. Getragen wurde diese Tradition über Jahrhunderte von denselben ländlichen Kameradschaften, die auch andere Feste prägten: den Zechen, die auf Kirchtagen und Hochzeiten aufspielten und tanzten.

Gesang, nicht Schrittfolge

Damit unterscheidet sich das Gstanzlsingen deutlich von einer Tanzform wie dem Innviertler Landler: Während der Landler eine über Generationen weitergegebene, feste Schrittfolge ist, lebt das Gstanzl von der spontanen Wortkunst des Augenblicks – auch wenn beide Traditionen häufig zusammenfanden, weil zum Landler, Boarischen oder Steirer gesungen wurde und die Verse sich rhythmisch an die Tanzmusik anpassten. In der Praxis verschmelzen Tanzen und Dichten dabei oft zu einem einzigen geselligen Ereignis, ohne dass eines das andere ersetzt.

Zur klanglichen Vollendung gehören zudem das Jodeln sowie – vor allem im Salzkammergut – das „Paschen“, ein rhythmisches Klatschen in der Gruppe, das dem improvisierten Gesang einen festen Puls gibt. Geübte Sängerinnen und Sänger schaffen es, stundenlang neue Strophen zu erfinden, ohne sich zu wiederholen – eine Fertigkeit, die von Generation zu Generation weitergegeben und auf Gstanzlsänger-Treffen bis heute gepflegt wird.

Vom Innviertel in die ganze Alpenrepublik

Wie lebendig die Tradition geblieben ist, zeigt sich exemplarisch im Innviertel: Im oberösterreichischen Aspach findet seit Jahrzehnten das „Innviertler Gstanzlsingen“ statt, ein Treffen, das sich als „das Original“ versteht und mittlerweile weit über die Region hinaus in der Volksmusikszene bekannt ist. Solche Veranstaltungen zeigen, dass das Gstanzlsingen längst nicht nur beiläufiger Hochzeitsscherz ist, sondern eine eigenständige, ernsthaft gepflegte Kunstform – mit eigenen Stars wie Roider Jackl, der von 1906 bis 1975 vor allem mit seinen bissig-politischen Gstanzln über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt wurde.

Ob am Wirtshaustisch, auf der Alm oder beim eigens organisierten Sängertreffen: Das Gstanzl bleibt, was es immer war – schlagfertige Poesie auf Zuruf, die den Moment einfängt und ihn im selben Atemzug zum Lachen bringt.

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