Taufkerze

Taufkerze

von Clemens Gull

Die Taufkerze ist ein zentrales Objekt im Ritus der christlichen Taufe. Sie wird während der Tauffeier zum ersten Mal entzündet, an der Osterkerze, die im Altarraum steht. Dabei übergibt der Pfarrer die brennende Kerze dem Täufling oder, wenn es sich um ein Kind handelt, dessen Eltern und Paten, mit den Worten:

Nimm hin diese brennende Kerze zum Zeichen,
dass Christus das Licht deines Lebens ist.

Das Anzünden an der Osterkerze ist keine Nebensächlichkeit. Es symbolisiert, dass der Täufling das Licht Christi empfängt und damit Teil der christlichen Gemeinschaft wird.

Herkunft und Geschichte

Die Verwendung von Kerzen bei der Taufe hat eine lange Tradition im Christentum. Bereits im frühen 4. Jahrhundert nach Christus berichten Kirchenväter wie Ambrosius von Mailand vom Gebrauch brennender Kerzen bei Taufzeremonien. Ursprünglich hatten diese Kerzen noch einen schlichten praktischen Zweck: Sie dienten der Beleuchtung, da Taufen oft in den frühen Morgenstunden oder an dunklen Orten stattfanden.

Der Ritus der Überreichung einer brennenden Kerze als eigener Bestandteil der Tauffeier ist dann ab dem 11. Jahrhundert schriftlich belegt. Aus dem nüchternen Beleuchtungsmittel war ein Zeichen geworden, das über den Moment hinauswies.

Die Kerze und ihre Symbole

Taufkerzen sind selten schlicht. Klassische Zeichen sind das Kreuz als zentrales Symbol des Glaubens, der Fisch (ICHTHYS) als frühchristliches Erkennungszeichen, die Taube als Symbol des Heiligen Geistes, der Baum des Lebens als Zeichen für Wachstum und Hoffnung sowie Wasser und Sonne als Zeichen für Leben, Reinigung und Licht.

Auch der griechische Buchstabe Tau findet sich auf vielen Taufkerzen. Bereits der Prophet Ezechiel sah in diesem Zeichen ein Symbol des Lebens. Alpha und Omega, der erste und letzte Buchstabe des griechischen Alphabets, stehen für Anfang und Ende, für Gott als Ursprung und Ziel des menschlichen Lebens.

Regionale Besonderheit

Was die Taufkerze im volksfrömmigen Verständnis des Alpenraums besonders macht, ist ihre Rolle jenseits des Tauftages selbst. In vielen Familien begleitet sie den Getauften durch wichtige Stationen seines Lebens: Erstkommunion, Firmung, kirchliche Trauung, Ehejubiläum. An diesen Wegmarken des Glaubenslebens wird sie erneut entzündet.

Im Berchtesgadener Land war es regional üblich, eine besonders große Taufkerze für alle Kinder einer Familie zu verwenden. Die Kerze wurde also nicht jedem Kind einzeln mitgegeben, sondern war ein gemeinsamer Familienbesitz.

In früheren Zeiten wurde die Taufkerze schließlich zum letzten Mal am Sterbebett ihres Besitzers entzündet. So schloss sich der Kreis: Das Licht, das beim Eintritt ins christliche Leben leuchtete, begleitete auch den Abschied aus diesem Leben. In manchen Regionen ist es üblich, die Taufkerze ein ganzes Leben lang aufzubewahren, um sie schließlich neben dem Sterbebett zu entzünden.

Bedeutung heute

Heute ist die Taufkerze vielerorts ein liebevoll gestaltetes, personalisiertes Geschenk der Taufpaten. Namen, Datum, Symbole, manchmal sogar Fotos werden aufgedruckt oder ins Wachs gearbeitet. Der religiöse Kern ist dabei für viele Familien erhalten geblieben, auch wenn die volkskundliche Praxis des Wiederentzündens an Lebenswegmarken seltener geworden ist. In Österreich gehört die Taufkerze nach wie vor zu den zentralen Elementen der Taufzeremonie in katholischen wie evangelischen Gemeinden.

Die Kerze landet heute seltener am Sterbebett, dafür häufiger in einer Erinnerungsbox. Beide Praktiken folgen derselben Grundidee: Ein Licht, das einmal für ein Leben entzündet wurde, verdient es, aufbewahrt zu werden.