
Osterkerze
von Clemens Gull
Die Osterkerze ist eine große Kerze aus (Bienen)wachs, die in der Liturgie der Westkirchen, darunter die römisch-katholische, die anglikanische und die lutherische Kirche, zu Beginn der Osternachtfeier am Osterfeuer bereitet, geweiht und entzündet wird. Ihre weiße Farbe ist dabei kein Zufall: Weiß steht in diesem Zusammenhang für Hoffnung und neues Leben.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Das Entzünden einer besonderen Kerze zu Ostern ist keine mittelalterliche Erfindung. Der Brauch ist seit der Spätantike bezeugt. Bereits im Frühjahr 384 schrieb der Kirchenvater Hieronymus über das österliche Kerzenlob in einer Form, die ausdrücklich auf das Kerzenmaterial Wachs einging, und hielt fest, dass der Vortrag dieses Lobs dem Diakon vorbehalten war.
In der Osterkerze vereinigen sich Lichttraditionen aus griechischer, jüdischer, römischer und christlicher Herkunft gleichermaßen, denn Licht galt in all diesen Kulturen als Zeichen für das Leben. Die frühesten Wurzeln liegen im frühen Christentum, wo man die Feier der Osternacht mit zahlreichen Kerzen erleuchtete. Aus dem antiken Rom ist außerdem der Brauch überliefert, die Osternachtsfeier mit zwei mannshohen Kerzen zu erleuchten. Im Laufe der Jahrhunderte wurde schließlich auch die gesamte Feuersymbolik des Osterfeuers auf die Osterkerze übertragen, so dass diese heute im Mittelpunkt der Osternachtfeier steht.
Die Osterkerze ist ursprünglich als Brandopfer zu verstehen. Ihr Lobgesang, das Exsultet, ist einem antiken Hymnus ähnlich, in dem die Gottheit gepriesen wurde, der das Opfer galt. Im Wachsmaterial selbst sahen frühere Theologen ein Sinnbild für Christus: Im reinen „Leib“ der Kerze aus gebleichtem Bienenwachs erkannte man ein Sinnbild für die menschliche Natur Christi, während die Flamme als Zeichen seiner göttlichen Natur aufgefasst wurde.
Ablauf
Die Feier beginnt draußen vor der Kirche. Am Osterfeuer wird die Kerze entzündet und gesegnet. Dann trägt ein Kerzenträger die Flamme durch das abgedunkelte Kirchenhaus und ruft dabei dreimal das Lumen Christi, auf Deutsch: „Christus, das Licht.“ Die Gemeinde antwortet mit „Gott sei ewig Dank.“ Anschließend entzünden die Gläubigen ihre eigenen mitgebrachten Kerzen an der großen Flamme.
Sobald die Osterkerze auf dem festlich geschmückten Osterleuchter steht, singt der Diakon das Exsultet, das feierliche Osterlob. Die Osterkerze ist der liturgische Mittelpunkt der gesamten Osternacht.
Bemerkenswert ist auch ihr Einsatz bei der Tauffeier in derselben Nacht: Die Osterkerze wird dabei dreimal in das Taufwasser eingesenkt, um die besondere Verbindung des Taufwassers mit dem auferstandenen Jesus zu unterstreichen.
Die Osterkerze brennt, je nach Auslegung, entweder bis Christi Himmelfahrt oder bis Pfingsten. Danach wird sie neben den Taufstein gestellt, wo sie fortan bei Taufen brennt. Auch bei Begräbnissen brennt die Osterkerze neben dem Sarg, um die Verbindung zwischen Tod, Taufe und Auferstehung sichtbar zu machen.
Die Symbole auf der Osterkerze
Wer eine Osterkerze genau betrachtet, entdeckt eine kleine Bildsprache, die eigene Erläuterungen verdient.
- Das Kreuz
ist das zentrale Motiv und steht für Tod und Auferstehung Christi. - Alpha und Omega
sind der erste und letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. Sie beziehen sich auf das Wort Jesu in der Offenbarung des Johannes, wo er sich als Anfang und Ende, Ersten und Letzten bezeichnet. Der Brauch, diese Buchstaben auf die Osterkerze einzuritzen, ist erstmals im 7. Jahrhundert in Spanien belegt. - Die Jahreszahl
des laufenden Jahres erinnert daran, dass das Ostergeschehen nicht in der Vergangenheit verbleibt, sondern im Heute gefeiert wird. - Die fünf Weihrauchkörner,
die in vorbereitete Vertiefungen der Kerze eingesetzt werden, gelten als Symbol für die fünf Wunden Christi.
Regionale Besonderheiten
Im bayerisch-österreichischen Alpenraum hat die Osternachtfeier mit der Osterkerze einen besonders feierlichen Charakter bewahrt. In vielen Pfarrgemeinden wird das Osterfeuer noch im Freien entzündet, oft auf dem Kirchplatz oder auf einer Anhöhe, bevor die Flamme in die verdunkelte Kirche getragen wird. Der Volksbrauch, eine kleine Kerze mit nach Hause zu nehmen und das erste Licht der Osternacht ins eigene Heim zu tragen, ist in Teilen Salzburgs und Tirols lebendig, auch wenn er keine einheitliche liturgische Form hat.
In ländlichen Gemeinden wurde früher der restliche Wachsstock der Osterkerze nach dem Pfingstsonntag mancherorts als Schutzkerze bei Gewittern verwendet, ähnlich der Wetterkerze.
Bedeutung heute
Die Osterkerze ist im deutschsprachigen Katholizismus lebendig geblieben, weit über rein liturgische Kreise hinaus. Viele Gemeinden gestalten ihre Osterkerze eigens, Pfarreien beauftragen Kunsthandwerker, und auch in privaten Haushalten werden kleine Osterkerzen zum Andenken aufgestellt. Die Nachfrage nach handverzierte Kerzen aus Bienenwachs ist in den letzten Jahren sogar wieder gestiegen, was auf ein wachsendes Interesse an liturgischen Handwerkstraditionen hindeutet. Das Entzünden der Kerze in der Osternacht gilt vielen auch konfessionell wenig gebundenen Menschen als ein bewegender Moment, der Jahrtausende christlicher Lichtmetapher in einem einzigen Bild zusammenfasst.