
Wetterkerze, Gewitterkerze oder Schauerkerze
von Clemens Gull
Schauerkerzen, so ihr gebräuchlicherer Name in der Volkskundeliteratur, sind gesegnete Kerzen, die im Brauchtum zum Gebet angezündet werden, um bei nahendem Unwetter Schäden und Blitzeinschläge abzuwenden. Das Brauchtum ist heute vorwiegend im Voralpen- und Alpengebiet verbreitet.
Die Namen variieren je nach Region: Wetterkerze, Schauerkerze, Gewitterkerze und in Österreich nennt man sie auch liebevoll Donnerkerze. Gemeint ist immer dasselbe: eine geweihte Kerze, die bei aufziehendem Unwetter entzündet wird, verbunden mit Gebet und dem Vertrauen auf göttlichen Beistand.
Herkunft und Geschichte
Der Brauch, Gewitterkerzen zu entzünden, entstand wahrscheinlich aus dem Wettersegen, der vor allem in ländlichen Gegenden meist zwischen dem Fest der Kreuzauffindung (3. Mai) und dem Fest der Kreuzerhöhung (14. September) im Gottesdienst gespendet wurde.
Solche Wetter- bzw. Schauerkerzen werden in kirchlichen Unterlagen erstmals 1675 erwähnt. Noch früher, nämlich bereits 1497 und nochmals 1512, kaufte eine Kirche in Ingolstadt beim örtlichen Händler Wachs „zu den schauerkertzen“. Womit sich das Brauchtum zumindest ins ausgehende Mittelalter zurückverfolgen lässt.
Die Ursprünge der Wetterkerzen lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen. In einer Zeit, in der der Mensch Naturgewalten wie Unwetter und Hagel oft hilflos ausgeliefert war, suchte man nach Schutz und Beschwichtigung. Für Bauernfamilien war ein einziger Hagelschlag nicht bloß ein Schaden. Er konnte die Ernte und damit die Lebensgrundlage für ein ganzes Jahr vernichten.
Schwarz oder weiß?
Je nach örtlichem Brauch gibt es sowohl schwarze als auch weiße Wetterkerzen. Zuweilen werden beide Varianten an einem Ort und mit denselben Abbildungen im Devotionalienhandel angeboten.
Warum ausgerechnet schwarz? Eine mögliche volkskundliche Erklärung: Die Wetterkerze ist schwarz, weil früher aus verrußten Kerzenresten Wetterkerzen gegossen wurden.
Die Kerzen werden häufig an Wallfahrtsorten verkauft und sind mit einer Abbildung des jeweiligen Gnadenbildes – oft der Gottesmutter oder der heiligen Anna oder Abbildungen des Wallfahrtsortes versehen, gelegentlich auch mit Anrufungen bestimmter Heiliger oder Teilen des Wettersegens. Wobei im Salzburger Raum die schwarze Kerze vom Wallfahrtsort Maria Kirchental sehr bekannt ist.
Das Ritual
Bei Gewitter wird noch gegenwärtig sofort das Herdfeuer gelöscht. Fenster und Türen werden geschlossen, damit der Blitz keinen Zug hat. In den Herd wird etwas Geweihtes vom Palmzweig gegeben oder ein kleines Kranzl von Fronleichnam. In der Stube wird gemeinsam gebetet und es wurde die Wetterkerze angezündet.
Die Wetterkerze war nie ein Einzelstück, sondern eingebettet in ein ganzes Geflecht aus Schutzhandlungen, dem geweihten Palmbuschen, dem gemeinsamen Gebet, dem Schließen der Fenster und Türen. Die Kerze war das Zentrum, der sichtbare Ausdruck von Vertrauen und Bitte. Bis heute werden Wetter- bzw. Schauerkerzen in manchen katholischen Haushalten im Herrgottswinkel oder neben dem Weihwasserbecken aufgestellt.
Bedeutung heute
Der Blitzableiter hat die Wetterkerze in ihrer praktischen Funktion längst abgelöst. Und doch: Obwohl die Wetterkerze in ihrer ursprünglichen Funktion als Wetterbeeinflussungsmittel an Bedeutung verloren hat, findet sie heute wieder vermehrt Anklang. Sie wird als Dekorationsobjekt, als Teil von Brauchtumsfesten oder als Ausdruck spiritueller Überzeugungen verwendet.
Etwas anderes kommt hinzu. Wer bei aufziehendem Gewitter eine Kerze anzündet, gemeinsam betet und inne hält, der tut etwas Sinnvolles: Er unterbricht die Panik, versammelt die Familie, findet Ruhe. Das ist kein Aberglaube, das ist menschliche Weisheit in Form eines Rituals.