Kreuz, Marterl
Segensbräuche

Kreuzauffindung

von Clemens Gull

Der Begriff bezeichnet das Gedenken an ein zentrales Ereignis der frühen Kirchengeschichte: die legendäre Auffindung des Kreuzes Jesu Christi. Ab dem 7. Jahrhundert feierte die Kirche am 3. Mai diesen Tag als eigenes Fest. Für den Alpenraum war der 3. Mai auch praktisch bedeutsam: Ab diesem Fest der Kreuzauffindung wurde in der Kirche bis zum Fest der Kreuzerhöhung am 14. September der Wettersegen gespendet. Damit rahmte das Fest genau jene Monate ein, in denen Felder und Vieh am verwundbarsten waren.

Die Legende der heiligen Helena

Im Mittelpunkt steht eine der bekanntesten Pilgerinnen der Spätantike: Die heilige Helena, Mutter des römischen Kaisers Konstantin, reiste um 325 nach Christus ins Heilige Land, wo das Kreuz Christi bei Grabungsarbeiten unter einem heidnischen Tempel gefunden worden sein soll.

Überliefert ist die Geschichte durch mehrere frühe Quellen, die sich in Details unterscheiden. Aus der Totenrede des Kirchenvaters Ambrosius für Kaiser Theodosius aus dem Jahr 395 erfahren wir: Helena begab sich auf Golgatha, ließ den Boden aufgraben, und stieß dabei auf drei durcheinander liegende Marterhölzer, die Schutt und Erde verdeckt hatten.

Wie das richtige Kreuz unter den dreien erkannt wurde, ist ebenfalls Legende: Der Überlieferung zufolge wurde eine verstorbene Frau mit zwei Kreuzen berührt, ohne Wirkung, beim Kontakt mit dem dritten Kreuz aber soll sie lebendig geworden sein.

Teile des aufgefundenen Kreuzes wurden anschließend an verschiedene Hauptkirchen gesandt, unter anderem nach Konstantinopel und Rom, wo Kreuzfragmente noch heute verehrt werden. Der in Jerusalem verbliebene Teil des Kreuzes gelangte später in ein goldenes Gefäß und wurde dem Volk zur Verehrung gezeigt, woraus das Fest der Kreuzerhöhung am 14. September entstand.

Zur historischen Einordnung muss man ehrlich sein: Die historischen Wurzeln der Kreuzauffindung liegen im Dunkeln. Archäologische Belege existieren nicht. Die Geschichte der heiligen Helena ist Glaubenstradition, keine gesicherte Geschichtsschreibung.

Der Wettersegen

Im Alpenraum war die Kreuzauffindung weniger das theologisch bedeutsame Fest der Reliquienverehrung als vielmehr der Startschuss für einen ganz praktischen Brauch: den Wettersegen. Mit dem Ruf

Vor Hagel, Blitz und Ungewitter,
bewahre uns Herr Jesus Christus!

beten viele katholische Gemeinden traditionell den Wettersegen, der vom 3. Mai bis zum 14. September, dem Fest der Kreuzerhöhung, erteilt wurde.

Wer weiß, dass Hagelschlag und Sommergewitter im Alpenvorland eine Ernte über Nacht vernichten konnten, versteht die tiefe Ernsthaftigkeit hinter dieser Bitte. Der Wettersegen war keine Folklore, sondern für viele Bauernfamilien eine religiöse Existenzsicherung. In dieser Hinsicht lässt sich auch die Verbindung zur Wetterkerze (Schauerkerze) sehen, die ebenfalls dem Schutz vor Gewitterschäden diente.

Die Liturgiereform

Das Fest der Kreuzauffindung hat eine turbulente Kirchengeschichte hinter sich. Im Zuge der Neuordnung des liturgischen Kalenders durch Papst Johannes XXIII. im Jahr 1960 wurde das Fest nahezu vollständig aus dem allgemeinen Kalender gestrichen. Seit der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird am Fest der Kreuzerhöhung am 14. September zugleich auch der Kreuzauffindung gedacht.

Doch wie so oft im Volksbrauchtum: Ungeachtet der Änderung des liturgischen Kalenders blieb der 3. Mai vielerorts ein im Brauchtum bedeutender Termin. In traditionell ausgerichteten Gemeinden und im überlieferten Ritus wird das Fest bis heute begangen. Gläubige, die den alten Rhythmus des Kirchenjahres kennen und schätzen, halten am 3. Mai als Erinnerungsdatum fest.

Regionale Bedeutung

Eine dezidierte alpine oder bayerisch-österreichische Regionalvariante der Kreuzauffindungsfeier mit eigenen spezifischen Bräuchen ist in der verfügbaren Volkskundeliteratur nicht eindeutig dokumentiert. Was sich aber klar sagen lässt: Das Fest war als Beginn des Wettersegens für die bäuerliche Bevölkerung im gesamten katholischen Alpenraum ein fester Orientierungspunkt im liturgischen Jahr. In Kombination mit anderen Schutzpraktiken wie Palmbuschen, Wetterkerzen und den Kreuzzeichen im Feld bildete es Teil eines dichten Netzes religiöser Schutzhandlungen, das die Monate von Mai bis September begleitete.

Bedeutung heute

Das Fest der Kreuzauffindung ist im allgemeinen Bewusstsein weitgehend verschwunden. Die meisten Menschen kennen den 3. Mai heute nicht mehr als kirchlichen Termin. Was bleibt, ist die Geschichte der heiligen Helena als prägende Erzählung der frühen Christenheit, die Praxis des Wettersegens in einigen traditionstreuen Gemeinden sowie das Datum als stiller Erinnerungspunkt für jene, die das alte Kirchenjahr noch in seiner vollen Dichte kennen.

In einer Zeit, in der das Bewusstsein für Wetterrisiken und Naturgewalten durch den Klimawandel neu geschärft wird, hat die Grundidee des Festes eine eigentümliche Aktualität: der Wunsch nach Schutz vor unkontrollierbaren Naturkräften ist so alt wie die Landwirtschaft selbst.