
Segensbräuche
Weihwasswerbecken
von Clemens Gull
Weihwasserbecken sind in der katholischen Kirche Gefäße zur Aufnahme von Weihwasser, einem sogenannten Sakramentale. Die kleineren Varianten für den häuslichen Gebrauch werden auch als Weihwasserkessel oder Weihbrunnkessel bezeichnet. Der Begriff „Weihbrunn“ ist dabei kein Zufall: Er verweist auf die alte Vorstellung, dass es sich um eine Art geweihter Quelle handelt. Wasser, dem durch ein priesterliches Segensgebet eine besondere, schützende Kraft verliehen wurde.
Weihwasser ist Wasser, über das von einem Priester oder Diakon ein Segensgebet gesprochen wurde, und gehört zu den Sakramentalien der Kirche. Ihm kann Salz beigefügt werden. Theologisch gesehen ist Weihwasser kein Zauber, sondern ein Zeichen: Es erinnert an die Taufe und steht für Reinigung, Schutz und Gottesnähe.
Woher kommt der Brauch?
Der Ursprung von mit Wasser gefüllten Becken reicht bis in das antike Griechenland zurück, dort dienten solche Becken der symbolischen Reinigung vor dem Betreten eines Heiligtums oder Tempels. In der katholischen Tradition lassen sich die ersten Weihwasserbecken bereits in Kirchen aus der Zeit der Romanik nachweisen.
Seit dem Mittelalter ist es üblich, nahe der Kirchentür ein Weihwasserbecken zu installieren, damit sich die Gläubigen beim Betreten und Verlassen der Kirche bekreuzigen können. Von dort wanderte der Brauch irgendwann in die Häuser. Wer nicht immer in die Kirche gehen konnte, wollte den Segen trotzdem daheim verfügbar haben. Man füllte ein kleines Schüsserl am Weihwasserkessel in der Kirche und nahm es mit nach Hause. So entstand eine private Variante des Kirchenbrauchs, bodenständig, alltagsnah, volksfromm.
Das Weihwasserbecken im Haus
Gläubige können das Weihwasser mit nach Hause nehmen und dort das Jahr über in Weihwasserbecken in den einzelnen Räumen bereithalten. Klassische Plätze waren und sind: neben der Haustüre, im Schlafzimmer, am Nachtkastl und in der guten Stube.
Es gab eine Zeit, in der katholische Familien ein kleines Weihwasserbecken neben der Haustür oder in ihren Zimmern hatten, und bevor sie das Haus verließen, bei der Rückkehr, zu Beginn des Tages oder vor dem Schlafengehen damit das Kreuzzeichen machten. Diese kurze Geste, die Fingerspitzen ins Wasser tauchen, sich bekreuzigen, vielleicht ein stilles Gebet sprechen, war in vielen Familien ein selbstverständlicher Teil des Tages. Nicht als große religiöse Handlung, sondern als ruhiges Ritual, das Übergänge markierte: den Aufbruch, die Heimkehr, den Schlaf.
Besonders für Eltern galt es als sinnvoll, schon den kleinen Kindern morgens und abends Weihwasser zu geben und ihnen ein Segenskreuzlein auf Mund, Stirn und Brust zu zeichnen. Der Weihbrunnkessel war damit auch ein Ort familiärer Fürsorge: der Segen der Eltern, greifbar und täglich.
Die Formen sind so vielfältig wie die Regionen. Weihwasserbecken sind fast immer auf Ellenbogenhöhe fest angebracht. Volkstümliche Stücke aus dem Alpenraum zeigen häufig Mariendarstellungen, Christusfiguren oder einfache Kreuzreliefs. Besonders beliebt war glasierte Keramik. Die Landessammlungen Niederösterreich etwa besitzen einen Weihbrunnkessel aus glasierter Keramik mit einem Halbrelief von Maria und Kind. Barocke Stücke aus Adels- oder Klosterhäusern konnten dagegen aufwändig vergoldete Kunstwerke sein.
Um die Bedeutung der Segnungsgeste hervorzuheben, ist der Weihwasserkessel oft mit einem Kreuz, einer Marienfigur, mit Efeublumen oder anderen Ornamenten reliefartig gestaltet.
In Süddeutschland findet sich eine interessante Variante des Brauchs: Weihwasserbehältnisse finden sich in Süddeutschland auch auf Gräbern, da das Besprengen der letzten Ruhestätte dort als weitverbreitete Segnungsgeste gilt.
Dreikönigswasser und Osterwasser
Nicht jedes Weihwasser war für die häuslichen Becken gleich. Im Volksglauben galten bestimmte Weihen als besonders wirksam. In katholischen Pfarreien wird am 6. Januar das sogenannte „Dreikönigswasser“ geweiht, das nach volkstümlicher Überzeugung besonders wirksam sein und bis zu sieben Jahre lang haltbar bleiben soll. Es wird zur Segnung von Häusern und Ställen verwendet.
Das in der Osternacht geweihte Taufwasser, das sogenannte Osterwasser, galt ebenfalls als besonders kostbar und wurde in vielen Haushalten sorgfältig aufbewahrt.
Bedeutung heute
Das Weihwasserbecken ist heute in vielen Haushalten verschwunden. Wo er noch hängt, ist er oft ein Erbstück, ein handbemaltes Schüsserl von der Großmutter, das nun mehr Erinnerungsstück als gelebter Brauch ist. Gleichzeitig gibt es in katholisch geprägten Regionen Österreichs und Bayerns durchaus noch Familien, die den Brauch bewusst pflegen, gerade auch junge Menschen, die in der täglichen Geste einen ruhigen Moment der Besinnung schätzen.
Der Weihbrunnkessel ist vielleicht das schlichteste religiöse Alltagsobjekt überhaupt: ein kleines Schüsserl Wasser. Und doch steckt dahinter eine jahrtausendealte Idee, dass der Übergang zwischen drinnen und draußen, zwischen Schlaf und Wachsein, zwischen Aufbruch und Heimkehr, einen Moment der Stille verdient.