
Segensbräuche
Taufe
von Clemens Gull
Die Taufe ist das erste und grundlegendste der christlichen Sakramente. Sie gilt als das eingliedernde Ritual der Reinigung und Geisterfüllung, und sie ist sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Kirche ein Sakrament. Das Wort selbst kommt vom Eintauchen: Wasser wird über den Kopf gegossen, oder der Täufling wird ins Wasser getaucht. Dabei spricht der Taufspender die Worte:
Ich taufe dich im Namen
des Vaters und
des Sohnes und
des Heiligen Geistes.
Durch die Taufe wird ein Mensch Teil der christlichen Glaubensgemeinschaft. Sie steht damit am Anfang des Lebens als Christ. Für die Kirche ist sie kein rein familiäres Ereignis, sondern stets auch ein Fest der ganzen Gemeinde.
Herkunft und Geschichte
Ursprünglich fand die Taufe in der Osternacht statt, und es wurden ausschließlich erwachsene Katechumenen getauft, die zuvor teils jahrelang im Glauben unterwiesen worden waren. Mit der wachsenden Ausbreitung des Christentums begann sich auch die Kindertaufe durchzusetzen.
Der Kirchenvater Ambrosius berichtete im 4. Jahrhundert davon, dass frisch getaufte Erwachsene mit brennenden Kerzen in die Versammlung der Gemeinde einzogen. Das weiße Taufkleid ist ebenfalls seit dem 4. Jahrhundert belegt.
Im bäuerlichen Alpenraum hatte die Taufe lange Zeit eine Dringlichkeit, die über das Religiöse weit hinausging. Nach katholischer Glaubenslehre blieb einem Kind, das ohne Taufe starb, der Weg in den Himmel verwehrt. Es galt als ausgeschlossen von der Gottesschau und fand seinen Platz im sogenannten „Limbus puerorum“, einem Ort zwischen Himmel und Hölle ohne Aussicht auf Erlösung. Diese Vorstellung trieb Eltern dazu, ihre Kinder so rasch wie möglich taufen zu lassen. Deshalb wurde fast immer schon am Tag der Geburt getauft.
Die Nottaufe: Wenn jede Stunde zählte
Die Taufe gilt als so grundlegend, dass in Notfällen jeder Katholik die Taufe spenden darf. Diese Möglichkeit spielte in früheren Zeiten besonders bei Hebammen eine entscheidende Rolle.
War ein Neugeborenes schwach, nahm die Hebamme in der Regel die Nottaufe vor. Überlebte das Kind dennoch, wurde diese Nottaufe oft durch einen Priester kirchlich wiederholt. Die Taufformel, die dabei zu sprechen war, musste die Hebamme korrekt beherrschen. Dazu gab es entsprechende Prüfungen durch den Pfarrer.
Wenn du lebest,
so taufe ich dich im Namen
des Vaters und
des Sohnes und
des Heiligen Geistes.Amen
Das Spektrum der Versuche, einem ungetauften Kind noch die Taufe zu ermöglichen, reichte von eilig vollzogenen Nottaufen über Taufen noch im Mutterleib bis hin zu Wallfahrten mit verstorbenen Kindern, bei denen die Eltern um eine kurzzeitige Erweckung baten, um das Kind rasch taufen zu können. Diese sogenannten „Kinderzeichen“-Wallfahrten sind aus mehreren österreichischen Wallfahrtsorten überliefert.
Der Ablauf: Wasser, Licht, Öl und weißes Kleid
Die wichtigsten Elemente der Taufzeremonie sind das Übergießen des Kopfes mit Weihwasser, die Salbung mit Chrisam (einem geweihten Öl), die Übergabe eines weißen Kleides und das Entzünden der Taufkerze am Osterlicht.
Jedes dieser Zeichen trägt eine Bedeutung: Das Wasser steht für Reinigung und neues Leben, das weiße Kleid für die Unschuld, das Licht für Christus als Licht der Welt, das Öl für Stärke und Salbung.
Die Taufkerze ist heute nicht mehr nur ein liturgisches Symbol, sondern häufig ein persönlicher Gegenstand, der kunsthandwerklich gestaltet und als Erinnerungsstück aufbewahrt wird.
Die Taufpaten
Bei der Kindertaufe spielen die Paten (Goden) eine zentrale Rolle. Sie geben an Stelle des Täuflings die Antworten beim Glaubensbekenntnis, und durch ihre Übernahme dieser Rolle entsteht eine sogenannte „geistliche Verwandtschaft“, die sich durch besondere Verbundenheit ausdrückt.
Die Aufgabe der Taufpaten wird kirchlich ernst genommen: Im Idealfall sollen sie das Patenkind ein ganzes Leben lang begleiten, es in seinem Christsein unterstützen und durch ihre eigene Lebensweise als Vorbild dienen. Genau genommen gehört das Patenamt damit zu den wichtigsten Aufgaben, die Laien in der katholischen Kirche übernehmen können.
Zur Erinnerung schenkten die Taufpaten früher Münzen (sogenannte Tauftaler als eine Art Notgroschen), Medaillen, Schmuckstücke wie ein Medaillon mit Schutzengel oder einen Taufbrief.
Regionale Bräuche
Im bäuerlichen Milieu war die Taufe nicht nur Sakrament, sondern auch Anlass für Gemeinschaft und Fest. Die werdende Mutter wählte rechtzeitig eine Gevatterin aus, die das Kind zur Taufe holte und anschließend den Taufschmaus organisierte. Das bäuerliche Leben begann damit sozusagen mit einem Brauch: Der Mensch wurde buchstäblich in das Brauchtum hineingeboren.
Im Salzburger Raum ist zudem der Brauch überliefert, dass Taufpaten ihren Patenkindern zu Allerseelen das sogenannte „Gebildbrot“ schenkten – also kunstvolles, geformtes Gebäck, das die geistliche Verbindung zwischen Pate und Patenkind auch im Jahreskreis lebendig hielt.
Bedeutung heute
Laut Kirchenstatistik gab es 2024 in Österreich 36.705 katholische Taufen. Das ist zwar deutlich weniger als in früheren Jahrzehnten, zeigt aber, dass die Taufe für viele Familien nach wie vor einen hohen Stellenwert hat, auch wenn die religiöse Prägung insgesamt abnimmt.
Die Taufe ist heute seltener die dringliche Schutzmaßnahme für das Seelenheil eines Neugeborenen, die sie über Jahrhunderte war. Sie ist mehr zum bewussten Schwellenfest geworden, zum Moment, in dem eine Familie sagt: Dieses Kind soll mit einem Namen und mit einer Gemeinschaft in die Welt treten. Das Wasser, das Licht, das Weiß des Kleides haben dabei nichts von ihrer symbolischen Kraft verloren.