
Segensbräuche
Prozession zu Fronleichnam
von Clemens Gull
Der Name klingt für viele rätselhaft. „Fronleichnam“ stammt aus dem Mittelhochdeutschen: „Fron“ bedeutet „Herr“ (im religiösen Sinne), „Leichnam“ stand damals schlicht für „Körper“ – nicht für einen Toten. Fronleichnam heißt also wörtlich: Leib des Herrn.
Gemeint ist damit das Allerheiligste: die konsekrierte Hostie, die im katholischen Glauben den Leib Jesu Christi darstellt. Das Fest feiert die reale Gegenwart Christi in der Eucharistie und ist damit ein zutiefst theologisches Fest, das aber im Volksbrauch eine sehr lebendige, fast festliche Gestalt angenommen hat.
Das Datum ist beweglich: Fronleichnam fällt auf den zweiten Donnerstag nach Pfingsten, also je nach Jahr zwischen Ende Mai und Ende Juni.
Herkunft und geschichtlicher Hintergrund
Das Fronleichnamsfest geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Auf Betreiben der Mystikerin Juliana von Lüttich und später durch Papst Urban IV. wurde das Fest 1264 für die gesamte Kirche eingeführt. Den Hymnus für das Fest soll Thomas von Aquin verfasst haben, darunter das bis heute gesungene Tantum Ergo.
Die Prozession als öffentliche Form des Festes entwickelte sich in den folgenden Jahrhunderten. Besonders nach dem Konzil von Trient (Mitte des 16. Jahrhunderts) wurde sie im katholischen Raum bewusst gefördert: als sichtbares Zeichen des Glaubens nach außen, in einer Zeit, in der die Kirche sich gegenüber der Reformation positionierte.
Im Alpenraum verwurzelte sich die Prozession tief in der bäuerlichen Lebenswelt. Sie war nicht nur religiöse Pflicht, sondern auch Gemeinschaftsereignis und ein Schutzritual für Felder, Fluren und Vieh.
Ablauf
Der Ablauf ist in vielen Gemeinden ähnlich, im Detail aber regional unterschiedlich.
- Die Messe als Ausgangspunkt
Die Prozession beginnt nach oder im Anschluss an die Festmesse in der Kirche. Der Priester trägt die Monstranz, in dem die konsekrierte Hostie sichtbar für alle präsentiert wird. - Der Zug durch den Ort
Der Priester schreitet unter einem Baldachin, der traditionell von vier Männern gehalten wird. Um ihn herum: Ministranten mit Weihrauchfässern und Kerzen, Fahnenträger der örtlichen Vereine und Bruderschaften, Trachtler, Musikkapellen, Schulkinder in weißen Kleidern, Erstkommunikanten, Vertreter der Feuerwehr und anderer Vereine und die Gemeinde selbst.
Der Zug bewegt sich durch die Straßen des Ortes zu vier Außenaltären. Diese werden von Familien, Vereinen oder Pfarrgruppen aufgebaut und oft aufwendig mit Blumen, Birkenreisig, Fahnen und religiösen Symbolen geschmückt. - Die vier Altäre
An jedem Altar macht die Prozession halt. Der Priester stellt die Monstranz auf den Altar, es wird gebetet, ein Evangeliumsabschnitt gelesen, und am Ende erteilt er mit der Monstranz den Segen in die vier Himmelsrichtungen. Diese vier Stationen werden symbolisch mit den vier Evangelisten oder den vier Himmelsrichtungen in Verbindung gebracht. Ein Zeichen, dass der Segen die ganze Welt umfassen soll. - Blumen auf der Straße
Traditionell werden die Prozessionswege mit Blumen bestreut oder dekoriert. In manchen Gemeinden entstehen aufwendige Blumenteppiche aus frischen Blüten entlang des gesamten Weges. Dieser Brauch hat sich besonders in Tirol und Teilen Bayerns erhalten.
Regionale Besonderheiten im Alpenraum
Im Voralpenland und in den Alpentälern hat die Prozession oft eine besonders intensive Gestalt angenommen, weil sie mit bäuerlichem Leben und Naturerfahrung verbunden war.
In Salzburg-Stadt zieht die Dompfarre eine große Prozession durch die Altstadt, vorbei an barocken Fassaden und historischen Plätzen. Die Verbindung von Stadtkultur, barockem Erbe und lebendiger Volksreligiosität macht diese Prozession besonders eindrucksvoll.
In Tirol sind manche Prozessionen in Berggemeinden erhalten, bei denen der Weg durch Felder und Wiesen führt, wobei die Haltepunkte teils frei in der Landschaft liegen. Hier ist der Charakter eines Flurumgangs, also eines schützenden Rundgangs über das eigene Land, noch spürbar.
In Bayern und dem Salzburger-Land haben viele Landgemeinden die Prozession als lebendigen Brauch erhalten, oft in enger Verbindung mit der Trachtenkultur. Schützenkompanien, Trachtenvereine und Musikkapellen gehören fast überall dazu.
Bedeutung heute
In Städten ist die Fronleichnamsprozession für viele Menschen kaum noch sichtbar, sie läuft als eine Veranstaltung unter vielen. In ländlichen Gemeinden des Alpenraums ist das anders. Hier ist die Prozession oft noch ein Termin, an dem ein großer Teil der Bevölkerung teilnimmt oder sie zumindest am Straßenrand erlebt.
Die Bedeutung hat sich dabei verschoben. Für manche Teilnehmer ist es ein tief religiöser Moment. Für andere ist es Tradition, Gemeinschaftsgefühl, der Rhythmus des Jahres, der Wunsch nach Kontinuität. Beides ist legitim. Die Prozession hält ein Angebot bereit: für eine Stunde gemeinsam durch den eigenen Ort zu gehen, langsam, mit Gesang, und dabei sichtbar zu machen, was eine Gemeinschaft zusammenhält.
Gebetstext Tantum ergo
Latein
Tantum ergo Sacramentum
Veneremur cernui:
Et antiquum documentum
Novo cedat ritui:
Praestet fides supplementum
Sensuum defectui.Genitori, Genitoque
Laus et jubilatio,
Salus, honor, virtus quoque
Sit et benedictio:
Procedenti ab utroque
Compar sit laudatio.
Amen.
Deutsch
Kommt, lasst uns anbetend knien,
vor dem Sakrament so groß!
Lass die alten Bilder fliehen,
neuem Ritus mach sie los!
Glaube soll uns Kraft verleihn,
wo die Sinne nicht verstehn.Preis und Lob dem Vater droben
und dem Sohne, der uns liebt;
Heil und Ehre sei erhoben
dem, der uns den Segen gibt!
Dem aus beiden ausgehenden
gleiche Ehr und Preis auf ewig!
Amen.