Baumschwamm
Sonstige Bräuche

Schwammtragen

von Clemens Gull

Das Schwammtragen ist die Unkener (Unken im Pinzgau, Salzburg) Art, das geweihte Osterfeuer von der Kirche nach Hause zu bringen. Der Pfarrer segnet das Feuer vor der Kirche. Danach tragen die Menschen es in ihre Häuser, aber nicht mit Laternen, sondern mit glühenden Baumschwämmen aus dem Bergwald, die laut Experten schon in der Steinzeit als Feuerzeuge dienten.

Das Ziel ist dabei immer dasselbe wie überall: das geweihte Licht soll den Heimweg überstehen und den Herd zuhause neu entzünden. Nur das Mittel ist ein anderes.

Der Schwamm: Was steckt dahinter?

Der „Schwamm“ ist kein Badeschwamm und auch kein essbarer Pilz. Es handelt sich um Polyporus fomentarius, einen Pilz, der vorwiegend an Buchenstämmen vorkommt und traditionell als Zunder verwendet wird. Weil er den Krankheitszustand des Baumes anzeigt und die sogenannte Weißfäule des Holzes verursacht, ist auch die Bezeichnung Feuerschwamm gebräuchlich.

Die Schwämme werden von der Buche heruntergeschnitten, ein Jahr lang getrocknet und dann an einem Draht befestigt. Das ist kein spontaner Handgriff in der Osternacht, sondern erfordert Planung fast ein Jahr im Voraus. Vor allem Schwämme, die auf dürren Buchen wachsen, eignen sich besonders gut. Er soll nicht zu trocken sein, damit die Glut auch über einen langen Heimweg erhalten bleibt.

So funktioniert es in der Praxis

Sobald der Schürmeister das Holz in der Feuerstelle vor der Kirche anzündet und es geweiht wurde, drängt sich eine Schar Kinder darum, ihre getrockneten Schwämme ins Feuer zu halten.

Je weiter entfernt die Unkener von der Kirche wohnen, desto größer muss der Schwamm sein und desto länger muss er ins Feuer. Das reicht von fünf bis zehn Minuten. Die Größe des Schwamms ist also keine Frage des Ehrgeizes, sondern eine simple praktische Kalkulation.
Wenn der Schwamm glüht, trägt man ihn schwingend nach Hause. Durch das Schwingen in der Luft wird die Glut immer wieder angefacht. Wer gut schwingt, bringt das Feuer heim. Wer nicht aufpasst, steht im Dunkeln.

Unken ist eine weit verstreute Gemeinde mit Höfen in entlegenen Seitentälern. Im Ortsteil Gföll sind manche Höfe rund zweieinhalb Stunden Gehzeit von der Kirche entfernt. Mit einer gewöhnlichen Kerze wäre das schlicht nicht zu bewältigen. Der Schwamm war die technisch überlegene Lösung.

Wer darf schwammtragen?

Wie viele religiöse Rituale und Ämter war das Schwammtragen ursprünglich Buben vorbehalten. Selbst wenn es auf einem Hof nur Töchter gab, durften sie den Brauch nicht übernehmen. In dem Fall wurden Nachbarkinder damit beauftragt, das Osterfeuer zu bringen.

So wie Ministrantinnen in der Kirche selbstverständlich geworden sind, schwingen heute auch Mädchen ihre Schwämme. Eine emanzipatorische Entwicklung, die im Ort selbst ganz nüchtern wahrgenommen wird: einfach normal.

Üblich ist laut lokaler Überlieferung eine kleine Belohnung für die Träger. Ein geweihtes Ei oder Süßigkeiten als Dankeschön für die Träger ist üblich. Ob dies heute noch flächendeckend so gehandhabt wird, ist nicht belegt.

Ist der Brauch wirklich einzigartig?

Hier lohnt sich eine etwas genauere Betrachtung. Das Schwammtragen gibt es in dieser Form nur in einer Gemeinde in Österreich: in Unken im Pinzgau. Das ist die übliche Formulierung, und sie stimmt so weit.

Allerdings zeigt ein Blick in die Nachbarschaft, dass die grundlegende Idee, die geweihte Osterglut auf originalem Weg nach Hause zu bringen, ehemals weiter verbreitet war. Das sogenannte „Geweiht-Feuer-Laufen“ war bis in die 1970er Jahre noch teilweise im Stadtgebiet von Bad Reichenhall gepflegt. In Piding und Inzell gibt es es heute nicht mehr, ebenso in Großgmain, wo er nach einem Unglücksfall in den 1980er Jahren abgeschafft wurde. Heute ist das Geweiht-Feuer-Laufen noch in Marzoll und Karlstein üblich, und auch in Reit im Winkl und Waidring heißt der Brauch „Schwammtragen“.

Das heißt: Die Unkener Variante ist nicht die einzige lebendige Form dieses Brauchs in der Region, wohl aber die bekannteste und am besten dokumentierte. Das sollte entsprechend fair eingeordnet werden.

Warum hat sich der Brauch ausgerechnet hier erhalten?

Was auf den ersten Blick wie ein folkloristisches Schauspiel wirkt, ist laut Althistorikern, Archäologen, Historikern und Volkskundlern ein lebendiges Relikt aus Jahrtausenden, in denen dauerhaft verfügbares Feuer alles andere als selbstverständlich war.

Die geografische Lage von Unken spielt eine entscheidende Rolle. Ein weitläufiges Gemeindegebiet, abgelegene Höfe, lange Fußwege: All das machte den Schwamm als Feuerträger praktisch notwendig. Das Schwammtragen ist damit nicht nur religiöses Ritual, sondern auch ein seltenes Beispiel für die Weitergabe praktischen Wissens aus vorindustrieller Zeit.
Wo die moderne Infrastruktur früher einzog, verschwand der Brauch. Wo sie später oder langsamer kam, blieb er.

Bedeutung heute

Der Brauch wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Sicher kann ich heutzutage auch mit einer Kerze in einer Laterne nach Hause gehen. Aber das Schwammtragen ist einfach ein alter Brauch bei uns, den wollen wir erhalten

Sebastian Wimmer, Eggerbauer Senior aus Unken

Das sagt viel aus. Es geht längst nicht mehr um Notwendigkeit. Es geht um Identität, um Kontinuität, um das Bewusstsein, dass man etwas tut, das Generationen vor einem genauso getan haben. Rauchend, schwingend, glühend. Den Hang hinauf, den Hof entlang.