
Godl
von Clemens Gull
Wer in Österreich oder Bayern aufgewachsen ist, kennt die Worte vermutlich aus der Kindheit: die Godl und der Göd. Gemeint sind damit Taufpatin und Taufpate, also jene besonderen Menschen, die ein Kind bei seiner Taufe ins christliche Leben begleiten und ihm danach ein Leben lang verbunden bleiben. Die Begriffe klingen vertraut, ein wenig altertümlich, manchmal auch herzlich-familiär. Und genau das sind sie: Zeugen einer langen Geschichte, die bis ins frühe Christentum und noch weiter zurückreicht.
Im standardsprachlichen Deutsch sagt man Pate und Patin, im österreichisch-bairischen Dialektraum aber überlebt haben die alten Formen: Göd für den Paten, Godl (auch: Godl, Godi, Goli, Gedl, je nach Gegend) für die Patin. Der Duden verzeichnet beide als österreichische Bezeichnungen: Göd als männliche, Godl als weibliche Form.
Woher kommen die Wörter?
Der Begriff Göd leitet sich vom althochdeutschen Goto ab, was so viel wie „Gott-Vater“ bedeutet. Das Wort Pate hingegen stammt vom lateinischen patrinus, also „Bürge“ oder „Beistand“, was auch im altdeutschen Wort Gevatter aufklingt, einer direkten Übersetzung des lateinischen compater, also „Mitvater“.
Das althochdeutsche gote war im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet, wie das Grimm’sche Wörterbuch belegt. Während sich im mitteldeutschen und norddeutschen Raum die lateinischstämmigen Formen wie Pate und Pfetter durchsetzten, blieb das einheimische Gote vor allem im oberdeutschen Sprachraum lebendig. Im Österreichischen und Bairischen hat sich daraus der Göd entwickelt, der bis heute im Gebrauch ist.
Ehre und Verpflichtung
Pate oder Patin zu sein war Ehre und Verpflichtung zugleich. Die Eltern baten darum: ein Vorgang, der traditionell Gevatterbitten genannt wurde. Man wählte nicht irgendjemanden aus, sondern eine Person, der man vertraute und die dem Kind wirklich nahestehen sollte.
Die Godl und der Göd waren meist Respektspersonen, ausgewählt dafür, das Kind im Notfall, materiell wie religiös, zu versorgen. Im schlimmsten Fall, also beim Tod der Eltern, übernahmen sie selbstverständlich und ohne weiter darüber nachzudenken die Vormundschaft.
Das Patenamt beschränkte sich nicht auf die Taufe. Auch zur Firmung erhielten Kinder einen Paten, der sie im christlichen Leben begleiten sollte. In der bäuerlichen Lebenswelt war das Amt deshalb mit festgelegten Traditionen und Ritualen verbunden: von bestimmten Sätzen beim Anfragen bis hin zu einem fixen Platz an der Hochzeitstafel des Patenkindes.
Der Godntag und die Patengeschenke
Das Beziehungsgeflecht zwischen Paten und Patenkind war reich an Bräuchen, die den Jahreskreis begleiteten.
Allerheiligen galt in vielen Regionen als Godntag, an dem die Patentante oder der Patenonkel zu Besuch kamen und dem Patenkind einen Allerheiligenstriezel mitbrachten, oft mit einer eingebackenen Silbermünze. Der zugehörige Begriff für das Patengeschenk lautet bezeichnenderweise Godnsach: die Göd-Sache, das Mitgebrachte vom Paten.
Zu Ostern war ein anderes Gebäck an der Reihe: das Godnkipferl oder Osterkipferl, ein großes, buttriges Hefekipferl, das die Godl buk und dem Patenkind überreichte. In Teilen Österreichs, vor allem in Oberösterreich, waren diese Godenkipferl für ihre beachtliche Größe bekannt. Ein verstecktes Geldstück oder ein Geldschein gehörte dazu, das war Brauch.
In manchen Gegenden trugen Patenkinder beim Begräbnis ihrer Paten das Kreuz voran, ein letzter, sichtbarer Ausdruck einer Verbindung, die mit der Taufe begonnen hatte und ein Leben lang getragen wurde.
Regionale Vielfalt der Bezeichnungen
Die Formen des Wortes sind regional so bunt wie das österreichisch-bairische Dialektspektrum selbst. Neben Godl und Göd kennt man je nach Gegend auch Gedl, Goti, Ged, Geed und viele weitere Varianten. Im Schweizerdeutschen lebt das Wort als Gotti (Patentante) und Götti (Patenonkel) fort, ebenfalls aus demselben Ursprung.
Im Norden Deutschlands ist der Begriff kaum bekannt, dort hat sich Pate vollständig durchgesetzt. Die Formen mit G- oder Go- sind also ein verlässlicher Hinweis darauf, dass man sich im süddeutsch-österreichischen Kulturraum bewegt.
Bedeutung heute
Das Amt des Göd oder der Godl hat sich im Laufe der Zeit gewandelt, aber nicht aufgelöst. Die religiöse Dimension, also das Vorbild im Glauben zu sein, steht heute seltener im Vordergrund, die persönliche Bindung aber bleibt. In Teilen Österreichs ist es bis heute üblich, dass der Taufpate dem Patenkind bis zur Firmung zu Allerheiligen ein Geschenk bringt.
Die Worte Göd und Godl sind dabei mehr als nur Dialektbegriffe. Sie tragen das Gewicht einer langen Tradition: die Idee, dass ein Kind nicht nur Eltern, sondern auch andere Erwachsene braucht, die für es einstehen, die es kennen, die auf es schauen.