
Sonstige Bräuche
Gevatterbitten
von Clemens Gull
Wenn im Alpenraum ein Kind erwartet wurde, stand für die Eltern früh eine wichtige Entscheidung an: Wer sollte Pate oder Patin werden, im Dialekt Göd oder Godl, Göte oder Gotl? Diese Person auszuwählen und formell darum zu bitten, nennt man Gevatterbitten. Der Begriff „Gevatter“ stammt vom lateinischen compater, wörtlich „Mitvater“, und bezeichnet damit treffend, welchen Stellenwert das Patenamt einmal hatte: mehr als eine Ehrenrolle bei der Taufe, nämlich eine geistliche Verwandtschaft, die von der Kirche der Blutsverwandtschaft gleichgestellt wurde.
Herkunft und Bedeutung des Patenamts
Die Wurzeln der Patenschaft reichen bis ins antike Judentum zurück, wo bei der Aufnahme von Proselyten Zeugen nötig waren. Das Christentum übernahm dieses Prinzip und machte es zum festen Bestandteil der Taufe: Pate oder Patin bürgen für das Kind, begleiten es im Glauben und übernehmen im Ernstfall auch eine Art Ersatzverantwortung für die Eltern. Diese geistliche Bindung wog historisch so schwer, dass eine Heirat zwischen Patenkind und Pate bis weit ins 20. Jahrhundert kirchenrechtlich untersagt war.
Die Bezeichnungen für das Amt sind je nach Region unterschiedlich. Im westlichen Salzburger Land, in Nord- und Osttirol, Teilen Vorarlbergs, der Steiermark, Kärnten und im südlichen Burgenland spricht man von Göte und Gotl, in Oberösterreich, im übrigen Salzburger Land, Vorarlberg sowie in Nord- und Osttirol dagegen von Göd und Goden. Cles‘ Salzburger Umfeld kennt also durchaus beide Varianten, je nachdem, aus welchem Landesteil eine Familie stammt.
Ablauf des Gevatterbittens
Das eigentliche Bitten war ein formeller Akt: Die künftigen Eltern, oft auch nur der Vater, suchten die auserwählte Person persönlich auf, um sie um die Patenschaft zu ersuchen. Wo eine mündliche Bitte aus Zeit- oder Entfernungsgründen nicht möglich war, trat an ihre Stelle der Gevatterbrief, eine schriftliche Einladung zum Patenamt. Aus dieser Tradition der Patenbriefe entwickelte sich ab dem 17. Jahrhundert eine eigene kleine Kunstform: kunstvoll gestaltete, oft gefaltete Schriftstücke oder verzierte Schachteln, die zugleich das übliche Patengeschenk in Geldform verpackten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieben solche Gevatterbriefe verbreitet.
War die Bitte einmal angenommen, war die Rolle auf Lebenszeit angelegt. Sichtbarer Ausdruck der Bindung zwischen Pate und Patenkind blieb über die Taufe hinaus vor allem das Schenken: In der katholischen Tradition begleiten Göd und Godl ihr Patenkind auch bei der Firmung, in der evangelischen Kirche stehen die Taufpaten bis zur Konfirmation mit vierzehn als Garanten für die religiöse Erziehung ein. Ein bis heute lebendiger Brauch in Salzburg und im Tennengau ist das Schenken des Allerheiligenstriezels durch Göd und Godl an ihr Patenkind zu Allerheiligen, vielerorts ergänzt durch feine Gebildebrote in Tier- oder Figurenform. Auch der zweite Vorname eines Kindes stammte früher häufig vom Paten oder von der Patin, ein weiteres Zeichen dafür, wie eng diese Beziehung gedacht war.
Heute ist das förmliche Gevatterbitten seltener geworden, die Bitte um die Patenschaft läuft meist unkompliziert im Gespräch. Was geblieben ist, ist der Kern des Brauchs: eine bewusst gewählte, auf Dauer angelegte Beziehung zwischen einem Kind und einer Person außerhalb der eigenen Eltern, die Verantwortung übernimmt und über Jahre hinweg begleitet.



